Dextrose

Von Boris Schneider-Johne, Di, 21. Okt 2008 11:43

Wenn nicht nur in den Kommentaren dieses Blogs, sondern auch auf vielen anderen TV-Seiten, die Serie “Dexter” gelobt wird, dann kann ich das nach Ansehen der ersten drei Folgen sehr gut verstehen. Handwerklich ist Dexter wirklich sehr schön. Toll, das dem typischen deutschen Tatort-Regisseur, der irgendwann mal gelesen hat, wenn alles Blau eingefärbt wird hätte das auch Atmosphäre, ein kunterbuntes Miami entgegengesetzt wird, bei der selbst in Nachteinstellungen alles leuchtet und satte Farben reizen. Kamera, Schnitt und einige der Schauspieler sind Weltklasse.

Der Plot allerdings ist zum davonlaufen, aus zweierlei Gründen. Fangen wir mit der eher noch verschmerzbaren Sache an, dem Setting und der inneren Logik. Da informiert man uns fröhlich, daß das Morddezernat nur 20% Aufklärungsquote hat. Das mag daran liegen, daß man sich zwar einen ständigen Blutspritz-Experten und auch sonst tolle Laborratten hält, es bei den ermittelnden Detektiven aber eher sparsam angeht. Die Polizisten sind klischeehafter als in anderen Serien, da hilft auch nix, zwischendurch mal Spanisch zu reden, um das Lokalkolorit durchscheinen zu lassen. Die Rollenverteilung Guter Chef/Böse Chefin/Durchgeknallter Kollege/Aufrichtiger Detektiv etc. kommt direkt aus dem Krimischablonenbuch. Das konnte N.Y.P.D. Blue ja schon besser. Dexters “coole Sprüche” waren schon in der dritten Folge abgenutzt, weil sie immer dem gleichen Muster folgen. Und die Tatsache, daß die Polizei ständig im Dunkeln tappt, während Dexter nachts jeden Fall nach 48 Stunden “löst” (oder seiner Schwester (ebenfalls Cop) die Tipps zusteckt, damit diese Karriere machen kann), läßt die Truppe dann erst recht als Volldeppen dastehen.

Und das führt gleich zu Punkt Zwei, der mir extradick im Magen liegt. In all der technischen Raffinesse und der klischeehaften Charakterzeichnung liegt eine nicht vertretbare moralische Botschaft: Todesstrafe, Lynchjustiz und Folter, alles kein Problem, wenn es nur einen richtig bösen Buben (oder Frau) trifft. Auch wenn der Form halber Dexter sich selber auch mal als Monster bezeichnet, geht es (zumindest in den ersten Folgen der Serie) ganz klar drum, daß nur dank Dexter der “Abschaum” aus dem Verkehr gezogen wird, weil Polizei und Gerichte das nicht können und uns nicht beschützen. Selbstzweifel? Keine Spur, insbesondere weil Dexter ja durch Pflegepapa Harry, selber ein Cop, auf diese Reise geschickt wird. Die in der dritten Folge gegebene vorläufige “Legitimation” für Dexters Verhalten ist durch und durch verkommen. Ein Cop schickt seinen Pflegesohn nicht etwa zum Psychologen, sondern zum Ausweiden der noch lebenden Jagdbeute und danach als Racheengel auf die Jagd nach “Bösen Menschen”. Mit irgendwelchen absurden Begründungen, warum das eigentlich eine gute Sache sei. Und nicht etwa nur hinterrücks mordend, sondern mit dem Instrumentarium eines Baumarkts die hilflos gefesselten “Täter” folternd.

Ich weiß nicht, ob es Absicht der Serienmacher und Regisseure ist, den Zuschauer durch all die Technik, Sprüche von Dexter und Sidestories so einzulullen, daß ihm gar nicht auffällt, wie hier ein selbsternannter Richter, Folterer und Henker in Personalunion als eigentlich netter Kerl dargestellt wird, ohne den die Welt noch schlechter wäre. Parallelen zur amerikanischen Politik schenke ich mir.

Der Plot als Computerspiel wäre übrigens automatisch indiziert und auch auf DVD dürfte Dexter eigentlich gar nicht in den freien Handel kommen: In die Liste jugendgefährdender Medien aufgenommen werden solche Medien, “in denen Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird“.

Mögliche Indizierung hin oder her: Ich für meinen Teil nehme Abschied vom bunt fotographierten Miami und der schmissigen Musik der Exil-Kubaner und lasse Dexter ab sofort links liegen, denn ich kann nichts positives daran finden, wie hier Gewalt verherrlicht wird. Mit dieser verkommenen Moralität kommt kaum ein Computerspiel mit.

50 Antworten für “Dextrose”

  1. donnerbrenn sagt:

    Ganz meine Meinung! Was mich allerdings noch mehr wundert, ist dass es Californication bei den sonst so prüden Amis in derartige Begeisterung versetzt hat. Aber der Typ iss wenigstens ‘n lustig. ;)

  2. daniel c w sagt:

    Ich habe nicht den Eindruck, dass Dexter als “gut” in der Serie der gute ist. Er ist zwar die Hauptfigur, aber deshalb noch lange nicht ein Held.

    Ja, für Dexter (die Person), ist Selbstjustiz das Mittel, aber nicht für die Serie.

  3. Shimrod sagt:

    Da gebe ich dir vollkommen recht. Ich finde diese Glorifizierung zweifelhafter Moralvorstellungen wesentlich gefährlicher als irgendwelche Blutspritzer, die die Medienwächter so leicht auf den Plan rufen. Ich fand schon die “Dirty Harry” Filmreihe mit ihrer Verherrlichung von Selbstjustiz absolut unakzeptabel.

  4. erale sagt:

    Also so manche Kritik kann ich da nicht nachvollziehen, vielleicht solltest du dir noch mehr Folgen anschauen.

    Die Polizei tappt ganz und gar nicht im Dunkeln, in späteren Folgen merkt man auch, warum Dexter die Fälle vor seinen Kollegen “löst”. z.B. geht es mal um einen Gangboss, den die Polizisten auch verdächtigen, ihm aber nichts nachweisen können und er somit eigentlich nur noch von Dexter “gerichtet” werden kann. Dexter hat im übrigen auch sehr eigene Methoden um sich seine Beweise zu beschaffen. Das merkt man auch schon in den ersten Folgen. Er steigt ja kurzerhand in die Wohnungen seiner potentieller Opfer ein um Beweise zu suchen. Das würde ja wohl kein Polizist machen, oder?

    Warum Dexters Pflegevater ihn so erzogen hat und auch den Kodex entwickelt hat kann man nach drei Folgen noch gar nicht wissen. Das erfährt man alles erst Stück für Stück. Da kommen wirklich noch ein paar interessante Rückblicke, welche einen Teil des Puzzles zusammensetzen: wieso ist Dexter wie er ist? Wieso der Kodex?

  5. dmXbox sagt:

    hmmm… das ist doch mal ne idee…

    eine indizierung zu beantragen… damit vielleicht auch mal die normale bevölkerung die sich mit dem thema zensur nicht auseinander setzt, vielleicht einmal wachzurütteln… ;)

    aber die würden eh nur “ja und amen” sagen…

  6. hdgamer sagt:

    Die Serie lebt vom Style und Psycho-Faktor … mich hat es nicht auf Dauer fesseln können. Die Problematik mit der indirekten Beführwortung der Todesstrafe sehe ich genauso, aber wir sind es ja eh aus dem Kino gewöhnt, dass es “okay” ist die bösen Buben ins Jenseits zu befördern.

    Den ständigen Vergleich Computerspiel vs. Filmmedium finde ich aber nicht angebracht – passives und aktives Erleben unterscheidet sich nunmal in der Wirkung auf den Menschen.

  7. mindVex sagt:

    Hi Boris, dass/das – Fehler im ersten Abschnitt: “Toll, das…”

  8. Dilanor sagt:

    Moin Boris,
    dieses Gefühl, daß die Serie etwas wirklich falsches kommuniziert, hatte ich auch. Ich habe bisher glaub ich 6 oder 7 Folgen gesehen – aus den USA – und bin mir immer noch nicht sicher, ob die Autoren die Kurve noch bekommen. Zumindest fängt Dexter an zu “menscheln” und sich Gedanken über “richtig” und “falsch” und Beziehungen zu anderen Menschen (vor allem zu seiner Freundin) zu machen. Ob man noch eine ethisch sinnvolle Kurve kriegen kann, ohne den Gag der Serie damit hinfällig werden zu lassen, weiss ich nicht.
    Ich hab auf jeden Fall bei jeder Folge bisher ein flaues Gefühl gehabt, aber werde mir wohl zumindest die erste Staffel zu Ende ansehen.
    Der Trend zum Anti-Helden, ist aber in den USA (und auch hier) gerade totale Mode. House, Shield, Shark und diese Serie mit der brutalen Anwältin sind super Beispiele für unmoralische Hauptdarsteller.
    Ob das so wünschenswert ist, weiss ich nicht wirklich, insofern seh ich das wie Boris…

  9. Ringkeeper sagt:

    Naja ich mag die Serie zwar nicht, aber ist die “böse buben dürfen nicht leben” Geschichte nicht ein Stück weit nachvollziehbar?
    Bei “The Boondock Saints” lief das doch schon ähnlich ;)

  10. Heavy Heavy Low Low sagt:

    Ich sehe das ähnlich wie du. Ich habe zwar nichts gegen die Brutalität bzw. Gewalt und bin auch strikt gegen Indizierung. Äußerst fragwürdig finde ich die Selbstjustiz-Idee aber dennoch, vor allem wenn man, wie du das schon beschreibst, die Polizei und Justiz als inkompetent hinstellt und dafür einen coolen Macker mit lässigen Sprüchen die “bad guys” ermorden lässt. Ich kann dem absolut nichts abgewinnen, aber die Amis stehen offenbar auf so einen Kram – mir fallen da noch ein paar andere Filme ein, wo Selbstjustiz als völlig in Ordnung dargestellt wird.

  11. Froschi sagt:

    Vielleicht liegt’s an der Abstumpfung der amerikanischen Serien an sich. Denn schon Jack Bauer, der Vorzeigeamerikaner schlechthin seit Chuck Norris, hat ja kein Problem mit jeder Art der Folter oder notwendiger Selbstjustiz, wenn es nur der richtigen (amerikanischen) Sache dient. Moralisch ohne jede Frage ein übler Klops. Aber mittlerweile in der Serienlandschaft wohl kaum noch als Ausnahme zu betrachten. Dass dagegen in Sachen Computer- und Videospiele mit mindestens zweierlei Maß gemessen wird, ist ohnehin selbstverständlich. Leider.

  12. dom sagt:

    Um das ganze moralisch zu beurteilen denke ich dass du durchaus noch mehrere Folgen ansehen solltest, sonst kommst du hier nicht viel professioneller an als die Politiker bei den Killerspielen. Klar, die Serie spielt mit den moralischen Grenzen, deswegen läuft sie auch auf HBO, ähnlich wie Weeds und co. Sie ist genauso wie “Killerspiele” für Menschen gedacht, die in Ihrer Entwicklung weit genug sind sich ihre eigenen gedanken zu machen. Moralisch und Inhaltlich ist sie aber keinerseits so seicht wie du Sie darstellst. Ich bin weit froher um diese Serie (und auch die Buchvorlagen) als um so einige Ego-Shooter.

  13. flospace sagt:

    Ups, wusste gar nicht, dass man die Serie ernst nehmen soll bzw. eine moralisch Beurteilung vornehmen sollte. Ich fand sie einfach nur unterhaltsam und kurzweilig. Es hat eine gewisse Ironie, dass der größte Serienkiller direkt bei der Polizei arbeitet. Nicht mehr und nicht weniger… Nach SixFeetUnder eine guter Wiedereinstieg für den Hauptdarsteller…

    Dieses “Sex and the City” für Männer finde ich dagegen ganz schlecht. Gestern das erste Mal reingeschaltet… da kann ich den Hype nicht verstehen!

  14. Fincher23 sagt:

    Dexter ist eine meiner Lieblingsserien und mit den ersten beiden Staffeln, hatte ich sehr viel Spaß.
    Zu Beginn erscheinen einem die Charaktere klischeehaft und die Story unmoralisch. Interessant wird es, meiner Meinung nach erst, ab Mitte der ersten Staffel, vorallem aber in der zweiten Staffel. Die Serie katapultiert den Zuschauer in moralische Selbstzweifel, wie sie es wunderbar auch mit dem Protagonisten macht.

  15. NewBrof sagt:

    yo, die Serie hat mich schon ein paar mal genervt, obwohl ich sie gar nicht schaue. nämlich auf Pro7 (?) Werbetafeln. Motto : er will ja nur töten… und blutgesprenkeltem gesicht. meine kinder können schon lesen und müssen mit so einem dreck aufwachsen … naja, das gehört wohl zur freiheit und demokratie…

    cheers,
    brof

  16. Dummvogel sagt:

    Showtime, nicht HBO

  17. SKENA sagt:

    Soweit ich weiss lief “Californication” in den USA nur im Pay TV, daher wurde es wohl auch erlaubt zu senden. Ich kann Boris zwar verstehen, sehe das auch ähnlich aber die Serie als auch die Schauspieler, allen voran seine Schwester, gefallen mir einfach zu gut. Und wenn man sich mal die RTL oder RTL 2 Nachrichten oder so Sendungen wie Autopsie und ähnliches auf diesen Verblödungssendern ansieht, dagegen ist Dexter das reinste Kinderspiel und man verblödet auch nicht davon.

  18. Lou sagt:

    Oha Boris …

    Bitte diese Serie nicht schon nach 3 gesehenen Folgen verurteilen!

    Ich hab die erste Staffel schon komplett durch (auf Premiere, die zweite hat gestern angefangen) und muss sagen dass mir schon lange keine so intelligente Serie mehr aufn Schirm gekommen ist.

    Ich verspreche Dir, Du wirst ab Folge 6 oder 7 einfach nur noch begeistert sein.

  19. sonnendeck sagt:

    Ehrlich gesagt kuck ich glaube seit ich T-Home habe und diese IpTV Box kaum noch “klassisches” Serien Programm, es ist schon interessant wie schnell man dem ganzen entrücken kann und sich selber als Persönlich Zielgruppe neu definieren und diese ganze Serien, die sich ja doch irgendwie immer Wiederholen und uns ein Moralbild zeigen wenn Sie aus den USA kommen gar nichts mit unserem Kultur und Ethik Verständnis als Europäer zu tun hat . Zieh mir lieber wenn ich TV kucke irgendwelche Doku´s an oder Filme die ich auf gezeichnet habe, selbst bei den Privaten hat man den Vorteil des Vorspulens bei lästigen Werbungen. Aber danke das du auch mal wieder jenseits der Xbox was Blog´st

  20. bung sagt:

    Ich muss mich erale und dom wirklich anschließen.
    Die meisten Gründe, warum Dexter so ist, wie er ist, haben sich noch nicht nach 3 Folgen erschlossen.
    Man muss halt tatsächlich sagen: Der Typ ist ein Psychopath und er hat halt diese Veranlagung(die sich später auch irgendwie erklärt)… Wenn Harry ihn zum Psychiater geschickt hätte, dann wäre die Sendung ja schon nach 20 minuten aus gewesen. Das ist jetzt, als ob man schreibt “Da wären diese Leute bei Lost besser nicht ins Flugzeug gestiegen”.
    Außerdem will ich noch hinzufügen, dass ich selten eine Serie gesehen habe, wo sich die Charaktere im Laufe der Handlung so weiterentwickelt haben, wie bei Dexter.
    Auf die Diskussion mit der Selbstjustiz möchte ich aber eigentlich nicht weiter eingehen, weil ich das jetzt irgendwie übertrieben finde, es als “Verherrlichung” zu bezeichnen. Ich respektiere das, wenn jemand so denkt, aber ich persönlich kann nicht zustimmen.

    wer mal wirklich schlechtes fernsehen schauen möchte, sollte sich lieber die 4. staffel von prison break antun. da kommt es einem so vor, als hätten grundschüler zusammen mit steven segal das drehbuch geschrieben.

  21. Trabbi sagt:

    Hallo Boris, nach Jahren des Mitlesens muss ich mich auch mal äußern. Die Synchronisation von Dexter ist grottig! Es werden u.a. Gefühle in Dexters Monologe gelegt, die er im Original nicht hat. Die Charaktere kommen da auch nicht so klischeehaft rüber. Die Serie hat in späteren Folgen eine emotionale Komplexität, die ihres gleichen sucht. Gib Ihr bitte noch eine Chance. Ich mag auch “24″, weiß da allerdings ganz genau mit den moralischen Problemen umzugehen und auch “The Unit” kann ich ganz gut einschätzen.
    Sympathie empfinde ich mit den Kollegen Batista und Masuka, nicht mit Dexter, der ist spannend und erschreckend.
    Californication ist da deutlich besser synchronisiert, die Stimmen passen einfach besser. Trotzdem empfinden viele in meinem Umfeld die Serie als zu flach. Ich genieße jede Folge (auf Englisch)!
    Nur zur Klarstellung: Seit “The West Wing” kaufe ich alle interessanten Serien als DVD-Boxen im englischsprachigen Ausland und den Werdegang Deiner Person verfolge ich seit seligen Happy Computer Zeiten.

  22. ELIAS sagt:

    Kann ich leider auch nicht zustimmen, vorallem die Serie nach wenigen Folgen so abzuurteilen.
    Dexter tötet nicht irgendwelche Menschen, sondern die die nicht für ihre Taten bestraft worden sind und das weist auch Dexter selber nochmal selber nach. Vorallem in der dritten Staffel kommen die Selbstzweifel zu Tage.
    Außerdem ist die Serie sicherlich an das erwachsene Publikum gerichtet, was jeden selbst entscheiden lässt, obs ihm nicht gefällt bzw. ob er mit der Handlungsweise eins ist. Schließlich könnte ich auch beim Joker sagen, das es moralisch verwerflich ist.

  23. SONICtheHedgehog sagt:

    Ich bin von der Serie sehr angetan!
    CSI usw. jucken mich hingegen gar nicht.

    Übrigens lief gestern auf Premiere HD die erste Folge der zweiten Staffel.

  24. Sorcy sagt:

    Herrjeh, dieses ganze deutsche Gegutmensche ist ja nicht auszuhalten.

    Leute: Dexter gibt keine Moral vor, weil Dexter (die Figur) keine Moral hat. Er ist ein psychopathischer Serienkiller, der töten MUSS. Er hat keine Wahl. Es ist ein Drang, dem er sich nicht widersetzen kann. Es ist KEINE moralische Entscheidung “Der ist böse, also bring ich ihn um”, sondern “Ich muss töten, bei wem kann ich am ehesten meinen Drang abarbeiten ohne jemanden unschuldigen zu erwischen?”.

    Wenn es Harries Kodex nicht geben würde (der im Laufe der Serie auch deutlich in Frage gestellt wird), dann würde Dexter halt wahllos töten. Damit ist er auf dem selben Level wie Hannibal Lecter, nur dass der halt Leute umgebracht hat, die ihn nervten. Da hat auch keine aufgeschrien.

  25. fabnapp sagt:

    Alles richtig was hier zur Moral gesagt wird, aber als Starkiller Rebellen zu brutzeln macht auch mehr Spass als immer nur Viva Pinata.
    Indizierung wird nicht noch flascher nur weil woanders die Masstäbe anders sind.

    Und überhaupt: der Vorspann von Dexter ist das beste was es im TV zu sehen gibt seit Republican Marines

  26. Jürgen sagt:

    @Boris:

    Sehr schön und treffend geschrieben. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

    Na gut, vielleicht doch:
    Das hier mit zweierlei Maß gemessen wird (Film/Spiel) zeigt nur leider sehr gut, wie sehr Gewalt in den konventionellen Medien wie Fernsehen oder auch Literatur schon etabliert und gesellschaftsfähig geworden ist und dass die Institutionen, die sowas freigeben und im gleichen Atemzug Computerspiele beschneiden/verbieten/verurteilen selbst gar nicht objektiv genug sind.

    Gewalt als Unterhaltung? Wer es unbedingt braucht – von mir aus. Nur schade, das alles immer schön cool, lässig und amüsant dargestellt wird – so wie es eben in Wirklichkeit NICHT ist.

    Ich empfehle allen Leuten, die auf “coole” Serienmörder stehen mal “Funny Games” von Michael Haneke. Ein Film, der Gewalt als das darstellt, was sie letztendlich ist:
    tragisch, schockierend, verstörend und außerdem ohne Werbeblöcke – die tun ja auch oft nur weh! ;-)

  27. hdgamer sagt:

    @Jürgen: Aber das Original bitte, nicht das neue Remake für die Staaten. Allerdings sollte man diese Filmempfehlung nur mit Warnung aussprechen – “NIEMALS MIT KINDERN SCHAUEN !!” … die meisten FSK18 Titel habe ich schon mit jungen Jahren geschaut ohne bleibende Schäden davon zu tragen, Funny Games stellt da wirklich eine andere Kategorie dar.

  28. StarTony sagt:

    Genau wie gewalthaltige Computerspiele setzt auch “Dexter” Reife und Abstraktionsvermögen beim Konsumenten voraus. Wofür ich die Serie bewundere: Es gelingt den Machern, den Hauptdarsteller trotz klarer Abscheulichkeit seines Tuns sympatisch-smart wirken zu lassen. Grenzwertig, womöglich gefährlich weil zur moralischen Legitimation seiner Taten oder gar realer Nachahmung anregend? Möglich – siehe dazu aber meinen einleitenden Satz.

    Und im Gegensatz zu den unnötig und abstoßend deutlich dargestellten Folterszenen meiner ansonsten hochverehrten “24″-Reihe enden Dexters Schlachtwerke bislang noch halbwegs rechtzeitig.

  29. sponk666 sagt:

    Je mehr ich von Dexter lese, desto mehr steigt mir die Übelkeit den Hals hoch.
    Ist ja kaum zu glauben, mir hat schon gereicht die Bilder mit dem Grinsegesicht und den Blutspritzern zu sehen – sowas ist einfach ne Nummer zu heftig für mich.

    Mit Indizierten Games hab ich aber überhaupt keine Probleme, seltsamerweise.

  30. Dilanor sagt:

    @Bung: Prision Break ist aber schon mit dem Ende der zweiten bzw. spätestens Mitte der Dritten Staffel gekippt. Schade, denn gerade die erste Staffel war großartig.

  31. Lain sagt:

    Volle Zustimmung, Boris.

    Ich finde es überhaupt zweifelhaft, dass von einem “Kodex” geschrieben wird. Die Serie stellt Dexter jedenfalls nicht als den Antihelden dar, der er eigentlich sein sollte. Kennst du The Crow? Da geht die Hauptfigur wenigstens ansatzweise kritisch mit seiner eigenen Selbstjustiz und sieht sich selbst als Arschloch.

    Bei Dexter ist keine Spur davon und die dummen Menschen da draußen, wovon es leider viel zu viele gibt, werden dieser äußerst zweifelhaften Moral durchaus zustimmen. Und feiern damit Polizeistaat (Dexter setzt sich übers Gesetz hinweg), Folter und Todesstrafe als eine tolle Sache.

    Schwarzweißmalerei ist diesen Menschen halt das allerliebste. So erzieht man sie zu Idioten, die genauso barbarisch denken wie die Menschen der Antike.

  32. iob sagt:

    Ich finde Dexter gut. Für mich eine der besten Serien der letzten Zeit. Sicher nur was für Erwachsene – aber das stereotyp “gut” wird auf Dauer halt doch langweilig. Dexter ist halt ein Typ, der krank ist, und er weiß es auch, versucht aber trotzdem damit umzugehen.

    Sicherlich hat die Serien auch einige Schwächen (ich finde seine Schwester ziemlich nervig, und auch die Charaktere der Kollegen sind nicht sonderlich “gut” gezeichnet…) allerdings hat die Serie ihren ganz eigenen Charme – durch die Optik, die Musik und den Serienmörder.

    Für Leute die das Genre mögen (z.B. die Hannibal Lecter Sachen oder Mr. Brooks) sicherlich tolle Unterhaltung.

    Für mich war Mr. Brooks auch der beste Film des Jahres – ein Film der von der Thematik ziemlich viele Schnittmengen mit Dexter hat.

  33. Jürgen sagt:

    @hdGamer:

    Natürlich nur das Original aus Österreich. ;-)

    Für alle die Funny Games nicht kennen: da löschen zwei Psychopathen eine Familie aus. Und die beiden sind wirklich krank, diabolisch, abstoßend – gut an dem Film ist, dass er nicht wie viele andere kranke Emotionslosigkeit als Coolness verpackt.
    Haneke spielt perfekt mit unseren Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen. Manchmal zu gewollt, dafür aber sehr wirksam und nachhaltig.

    Wer sich den Film ansieht sollte danach nichts mehr vorhaben. Er trifft einen selbst wie ein Schlag ins Gesicht. Ich will ihn nicht nochmal sehen, obwohl ich ihn auf seine morbide Art und Weise sehr gelungen finde.

    Im krassen Kontrast steht dann sowas wie Dexter:
    da wird dann allwöchentlich das serielle Morden ohne Folgen für den Protagonisten zelebriert. Quasi “heiter weiter!”
    Und die Botschaft ist, dass das auch noch dem Wohle der Allgemeinheit dient.
    Ich finde was die Serie da im Kern vermittelt, wie Boris schon sagt, äußerst fragwürdig.

    An sich ist die Serie ein logisches Produkt unserer verwöhnten, schnell gesättigten Gesellschaft:
    man muss wohl um sich abzuheben, um im Gespräch zu sein, um mal wieder die Leute “zu kitzeln” immer extremer werden, wenn man unterhalten will. Sonst bietet etwas keinen Reiz – im wahrsten Sinne des Wortes.

    Oder man muß noch einfacher, platter oder derber werden, um Humor vorzutäuschen – dafür wäre dann “Californication” ein Beispiel.
    (Ok, manchmal ist schon mal ein guter Spruch dabei… ;-) )

  34. Bomster sagt:

    Ich habe auch nur die ersten drei Episoden gesehen und mich danach verabschiedet – hauptsächlich, weil ich sämtliche Nebenfiguren furchtbar eindimensional fand. Ich höre aber immer wieder von Freunden, dass diese Charaktere im Laufe der Serie doch an Komplexität gewinnen.

    Empörung gegenüber dem Grundkonzept kann ich aber keine empfinden – ich sehe Dexter allerdings auch in keiner Weise als Identifikationsfigur, so dass ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, dass sie überhaupt als Plädoyer für Selbstjustiz gelesen werden könnte. Das Schicksal der “bestraften” Verbrecher erinnert mich eher an Horrorfilme nach dem Stephen-King-Schema, in denen ja auch der Dorfrüpel, der immer Tiere gequält hat, möglichst poetisch ums Leben kommt. Dexter ist ein *Monster*, und dass er ein freundliches Gesicht hat macht ihn meines Erachtens nicht weniger zum Monster, sondern eher mehr. Somit ist die Serie bei mir auch weniger als Krimi verbucht, sondern eher für dezenten “Grusel” gut, weil ich eben diesem Monster direkt in den Kopf sehen kann.

    Ja, klar gibt es möglicherweise Leute, die das in den völlig falschen Hals bekommen könnten, aber muss denn immer alles immer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zugeschnitten und in banalste Binsenweisheiten verpackt sein, damit auch wirklich der letzte nicht auf krumme Ideen kommt?

    Sicher, Dexter versagt vermutlich, wenn man der Serie einen didaktischen Ansatz unterstellt – es sei denn, die Lehre lautet: “Begeh keine Verbrechen, denn selbst wenn das Gesetz dich nicht erwischt, steht eines Nachts Dexter vor deiner Tür.” Und das ist doch vielleicht auch was wert :)

  35. Winkeladvokat sagt:

    “Natürlich nur das Original aus Österreich”

    Wenn man sich mit den US-Schauspielern anfreunden kann, tut’s in dem Fall notfalls sogar das Remake, schließlich hat Haneke selbst seinen eigenen Film Bild für Bild kopiert… Übrigens ist das, was den Film auszeichnet, weniger die emotionslose Darstellung der Gewalt, als vielmehr der Spiegel, den er dem voyeuristischen Zuschauer vorhält.

  36. Sunny sagt:

    Hallo Boris,
    Dexter als selbstjustizverherrlichend und flach nach 3 gesehenen Folgen abzutun ist ein wenig vorschnell wie ich finde. Zum einen begründet der Protagonist seine Taten immer mit Hieb- und Stichfesten beweisen, weil es sonst mit seinen Moralvorstellungen nicht in Einklang zu bringen wäre. Oder die “Täter” sind eigentlich wegen Ihrer Taten verurteilt sind aber durch ein Schlupfloch im System der Strafe entkommen . Es werden zudem auch nicht x-beliebige “Täter” zu Opfern sondern immer solche die als “Monster” wie er selbst zu identifizieren sind. Dh immer Mörder die auch aus Lust und bewusst ihre MordTaten begehen.
    Im Verlauf der Serie entwickelt sich das “Monster” stark und dieser Prozess ist das interessante an der Serie . Aber nicht nur der Protagonist ist interessant auch die Charakterentwicklung ,der der erst klischeehaft gezeichneten Polzisten, ist viel ausgefeilter als in 70% aller Lost und auch hin und wieder besser als in BSG Folgen, welche du hier in deinem Blog schon hochgepriesen hast.
    Ist der Selbstjustiz Aspekt anfangs noch der Aufmacher der Serie geht es in den ersten 2 Staffeln viel mehr um den Weg Dexters zum “Monster”.

    Ich kann dir nur empfehlen Dexter im Original und am Stück zu sehen und ihm noch eine Chance zu geben. Du wirst sehen das es wesentlich über NYPD Blue oder auch jedes CSI hinausgeht und dich ähnlich fesseln wird wie BSG oder Lost. Gerade die Zweite Staffel lässt einem keine Ruhe bis man Sie durch hat.

    Grüsse

  37. Bash sagt:

    Als Spiel wäre die Serie indiziert. Was genau willst Du uns damit mitteilen?

    Ich dachte die Inidzierungspolitik in Deutschland ist nicht nach Deinem Geschmack. Ich darf demnach rauslesen, dass hirnlose Computerspiele Deiner Meinung nach ruhig indiziert werden dürfen, gelle? :-)

    Ich mochte die erste Staffel, sie war noch relativ nah am Buch (auch wenn ich das Buch nicht kenne, aber die Kritiken, die ich zur Serie gelesen habe, teilten mir das mit).

    Die zweite Staffel wurde dann etwas unlogischer und ein wenig nervig und in der dritten führen sie grad ein Plot-Device ein, das mir so richtig auf die Nerven geht. Sagen wir mal so: mit der Freundin von Dexter ist in “Angel” mal das Gleiche passiert. Ich find’s nur noch nervig und schaue mir mit immer größerem Widerwillen die neuesten Folgen an. Wobei das Nix im Vergleich zu “Heroes” ist. Da gibt es seit dieser Staffel keinerlei Regeln mehr und die Autoren kommen mir vor wie die Manatees bei Soutpark… von daher – die erste Staffel kann man sich wirklich komplett angucken. Sind ja nur 13 Folgen, und sie ist in sich eigentlich relativ gut abgeschlossen.

    Danach einfach aufhören. Ich finde es ist schon interessant herauszufinden, wer der IceTruckKiller ist.

  38. smillo sagt:

    Hi,
    die Aufregung um die Gewalt bei Dexter kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Da waren “Hannibal” und “Sieben” wohl schon nen Deut heftiger. Es wird wohl schon einen Grund haben, warum RTL2 die Serie erst zu nacht-(kinder-)schlafender Zeit ausstrahlt – oder?
    Ich glaube kaum, dass die Serie uns Selbstjustiz als Moral vorspielen will. Hannibal würde ich, obwohl er in den drei Filmen, die ich kenne, auch am Schluss gut “wegkommt” und er v. a. Leute killt, die seinen Wertvorstellungen nicht entsprechen, auch nicht unbedingt als moralische Instanz ansehen.
    Kann Unterhaltung auch ohne Vorbildfunktion stattfinden? Ich finde die Idee, dass sich der größte Serienkiller der Stadt bei den Wächtern des Gesetzes versteckt, gar nicht mal so uninteressant.

  39. hdgamer sagt:

    @Jürgen: Jedesmal wenn wir uns den Film angeschaut haben, beschliessen wir dass es das letzte Mal war. Aber dann nach 1-2 Jahren, wenn man gerade wieder den inneren Seelenfrieden gefunden hat … kommt man doch an den Punkt an dem man eine unwissende Person mit in die Runde nimmt und gemeinsam “Funny Games” schaut. Der Titel führt ja auch ein wenig in die Irre … der einzige Haken, unwissend oder nicht – man ist immer verstört nach dem Titel.

  40. Jürgen sagt:

    @hdgamer:

    “… kommt man doch an den Punkt an dem man eine unwissende Person mit in die Runde nimmt und gemeinsam “Funny Games” schaut.”

    Sind diese unwissenden Personen Freunde von Dir, die Du mit “aller Gewalt” los werden möchtest oder magst Du diese Leute einfach nur so nicht? ;-)

    Auf jeden Fall eine sehr…äh… NETTE Abendgestaltung.

    Wenn ich jedoch meinen Seelenfrieden irgendwann vielleicht mal erlangt haben sollte, weiß ich weit besseres mit meiner Zeit anzufangen, als mir NOCHMAL Funny Games reinzuziehen. ;-)

  41. PatTheMav sagt:

    Ich kann hier an dieser Stelle auch nur noch Unterstreichen, was zuvor schon gesagt wurde:

    1. Dexter (wie auch Entourage, Californication und Co) nur im Original anschauen – die Synchro ist verfälschend was Sinn, Ton und Stimmung betrifft.
    2. Weiterschauen – die Charaktere und die Story entwickeln sich über die bisherigen 2 Staffeln und die dritte Staffel ging schon einmal gut los (was tut Dexter, wenn er einmal jemanden “aus versehen” tötet, der nicht schuldig bzw ein “Monster” ist?).
    3. Dexter nicht nur als Täter sondern auch als Opfer bzw. wirklich kranke Person begreifen – Opfer seines Ziehvaters, des Codes, des Zwangs seinen Vater stolz machen zu müssen (ein Zwang, den auch seine Schwester nicht unerheblich auszeichnet), nicht umsonst begibt er sich in Suchtbehandlung
    4. Selbstreflexion, inwieweit man Dexters taten versteht/befürwortet/nachvollziehen kann

    Alles in allem keine Serie für Kids, deshalb auch bei Showtime (nicht bei HBO) in Amerika zu sehen im Abendprogramm.

  42. TimK sagt:

    Hätte man als Meinung so sicher unter einen Charles Bronson-Film schreiben können, aber bei Dexter trifft es den Kern nicht. Es geht ja gerade um die Auseinandersetzung mit der Selbstjustizfrage, und Dexter kommt eigentlich nie . Der Kontext ist – wieder im Gegensatz zu Charles Bronson – hier aber so ausdifferenziert, dass man eigentlich nicht den Eindruck haben kann, hier würde Selbstjustiz als valide Lösung dargestellt. Die Serie verherrlicht nicht, sie kommentiert vielleicht ein bißchen wenig und überlässt es etwas zu sehr dem Zuschauer, die Dexter-Perspektive (der ja nun eben auch der Erzähler ist) von außen zu betrachten und dabei alles andere als etwas erstrebenswertes zu sehen. Deine Kurzkritik könnte man so unter quasi jede Beschäftigung mit dem Thema Selbstjustiz schreiben. Sollen da an jeder Stelle “Kinder, so gehts natürlich nicht!”-Einblendungen gemacht werden? In der zweiten Staffel wird das eigentlich ziemlich gut gemacht, gerade aus der moralischen Ambivalenz zieht die Serie ja ihren Reiz. Wären das alles abgeschlossene Einzelfolgen im Stil der unsagbar drögen CSI-Heuler, dann wäre deine Kritik zutreffend. Allerdings trifft zumindest auf der moralischen eben das Gegenteil zu, es ist eine hochinteressante Gratwanderung, die überhaupt nichts mit dem 80er-Bronson-Schmonz zu tun hat, den du sicherlich im Kopf hast.

    Dass die erste Staffel recht jämmerlich geschrieben ist und man so ab der Hälfte recht genau ahnen kann, wo der Hase lang läuft, das ist ein Problem. Das Setting ist keins, es sieht nur so aus. Und die zweite Staffel ist sogar fast ohne Einschränkungen empfehlenswert – ob man sich dafür wirklich durch die erste Staffel quälen muss, wenn man noch dazu seine Moralvorstellungen seit den 80ern nicht mehr nenneswert verfeinert hat, ich weiß es nicht. Wohl eher nicht.

  43. TimK sagt:

    Und noch zu den Kommentaren: Hanekes “Funny Games” ist keine Kunst, es ist billige Exploitation und unterscheidet sich von Ittenbach- und Schnaas-Unfug nur durch ein weitaus höheres Budget und einem übersteigerten Selbstbewusstsein. Realistischer, höher, weiter, aber im Endeffekt doch nur mieseste “House on the Left”-Gewalthudelei. Er erklärt nichts, stellt nur dar und ist am Ende lediglich ein aufwendig gefilmter Mindfuck. Dass das fälschlich für Kunst gehalten wird liegt vor allem daran, dass man da wirklich alles auf der Welt reininterpretieren kann.

    Da ist Dexter anders. Der Stoff entwickelt sich, es ist eben GENAU NICHT “Heiter weiter”, – zugegebenermaßen entwickelt sich das erst nach ein paar Folgen – oder einfach die Verkehrung von CSI ins Gegenteil. Es wird da genug (natürlich, arg klischeehaft, aber mein Gott, es ist eine US-Fernsehserie) Stoff eingearbeitet, um sich ein recht dfferenziertes Bild der ganzen Geschichte machen zu können. Und, das finde ich am besten, die Serie legt sich sogar fest, wie sie interpretiert werden möchte.

    Nchmal, Dexter hat auch viele Schwächen. Mir geht es bis heute tierisch auf die Nüsse, wie gut sich der Hauptdarsteller gefällt, aber es ist natürlich auch ganz reizvoll, Dexter nicht zu offensichtlich als vollkommen gebrochenen Menschen darzustellen. Was er, da wird kein Zweifel gelassen, ist. Aber im Gegensatz zu Funny Games hält hier nicht einfach die Kamera auf einen Soziopathen, sondern es entwickelt sich da eine fein gesponnene kleine Geschichte. Es ist einen zweiten Blick wert, vielleicht sollte man einfach auch erst mit der zweiten Staffel einsteigen, besonders viel Vorwissen braucht man eigentlich nicht.

  44. Schöne Kommentare zu Dexter, danke für die Durchhalteparolen. Aber: Wenn in der zweiten Episode Dexter einen Alkoholiker der im Suff einen Jungen überfahren hat, aber im Gericht nochmal davonkommt, zerlegt, dann finde ich das saugefährlich – denn viele Menschen würden sich sagen “Ja, der hat das verdient.”
    Fakt ist aber, daß _kein_ Mensch verdient hat, auf einem Tisch mit Plastikfolie gefesselt von Dexter “bearbeitet” zu werden. Ende.
    Selbst wenn die Serie ein paar Folgen später hier eine Kurve kriegen sollte, bin ich entsetzt, wie “gut” der “Mindfuck” hier funktioniert, wie man durch coole Sprüche, einen interessanten Charakter und schöne Kameraführung das Gewissen des Zuschauers so total ausschalten kann.

  45. daniel c w sagt:

    Inwiefern spielt das Gewissen bei Fernsehserien oder bei Dexter eine Rolle?

    Dexters taten werden nciht unbedingt sympatisch dargestellt.

  46. Jürgen sagt:

    @TimK:

    In vielen Filmen, nun auch in einer Serie wie Dexter verkommt Gewalt einfach “nur” zur Plotkrücke. Mediengerecht wird sie oft in eine unterhaltsame, alles schön erklärende Geschichte verpackt. Sie wird somit verharmlost.
    In einer langen Serie finde ich es sogar noch grenzwertiger als in einem kurzen Film, weil es durch das ständige Wiederholen für den Zuschauer “normal” werden kann.

    Und das ist der Unterschied zwischen Hanekes Werk und trivialen Produktionen:
    es will gar nicht mit seiner Plakativität unterhalten und Gewalt als etwas normales darstellen.
    Nach dem Motto: Du als Zuschauer willst das Leid, Elend und den Schmerz sehen? Hier bitte – dann sieh aber auch zu, wie DU mit sowas in seiner reinsten Form klar kommst.

    Haneke scheint den Film zwar so nur seinem eigenen Motiv folgen zu lassen, aber kann man denn den Kern solcher Gewalt wirklich erklären und somit rechtfertigen?
    Macht es die Gewalt und die Tat _besser_, wenn man ein Motiv des Täters hat?

    Eigentlich willst Du doch nur erklären, dass die Handlung ( bzw. die Morde) in Dexter besser und nachvollziehbarer sind als in Funny Games, weil sich “eine feine Geschichte spinnt”, die die Aussage direkt vermitteln will. Aber genau da liegt doch bei dieser Thematik auch die Gefahr.

    Wie Boris schreibt: der “Mindfuck” funktioniert wunderbar. Das sieht man offensichtlich an Deiner Erklärung zu Dexters “Qualitäten”.
    Es hat überhaupt nichts mit “80er-Jahre-Moralvorstellung” zu tun, wie Du schreibst. Denn ein Mord ist erstmal ein kapitales Verbrechen, das war schon vor den 80ern so und wird sich in Zukunft sicher nicht ändern. Auch wenn eine Serie wie Dexter im Grunde mehr oder weniger subtil Werbung für eine andere Auffassung und Relativierung des Ganzen betreibt. ;-)

  47. hdgamer sagt:

    @Jürgen – nein nur nette Leute die ich wirklich mag kommen bei mir auf die Kinocouch. Schliesslich hast DU hier angefangen den Film zu empfehlen – ich trage die Empfehlung doch nur in den Freundeskreis. Und danach gehe ich in die Küche, leih mir ein Ei und schraub fix meinen Golfschläger zusammen – bringt mehr Schrecken als jede Kettensäge. :D

  48. iob sagt:

    >>>Fakt ist aber, daß _kein_ Mensch verdient hat, auf einem Tisch mit Plastikfolie gefesselt von Dexter “bearbeitet” zu werden. Ende.<<<
    Bloß weil das im realen leben so ist, heißt das ja nicht, dass man in einer Serie nicht mit dem Bösewicht mitfiebern kann. Was habe ich gelacht, als der T-Rex im ersten Teil von Jurrassic Park den umsympatischen Buchhalter auf dem Klo gefuttert hat. Wie habe ich mich darauf gefreut, das Jack Bauer endlich den Bösewicht in irgend einer beliebigen Staffel von 24 foltert. Das ist halt eine fiktionale Serie, und der Held tut halt ein paar moralisch verwerfliche Sachen. Hell, ich habe in Dungeon Keeper auch schon Helden gefoltert, in Vampire: The Masquerade meinen Ghul leergesaugt und bei den ganzen Jedi Knight Titeln mit Genuß die Dunkle Seite gewählt.

    Mein Gewissen kann man also schon mit sehr billigen Mitteln abschalten. Das ist glaube ich aber auch normal?

    Trotzdem leben alle Menschen in meinem Umfeld noch und die Kettensäge hat immer noch kein Benzin :-) . Wie gesagt, guck dir bei gelegenheit mal Mr. Brooks mit Kevin Costner und William Hurt an. Für mich der beste Film des letzten Jahres – von der Thematik halt dicht an “Dexter” dran, aber das ganze nochmal 10 Klassen besser.

  49. Will sagt:

    Ich finde nicht, dass Dexter gewalt- oder selbstjustizverherrlichend ist, denn der Protagonist wird sehr neutral dargestellt, ohne ihn besonders positiv aussehen zu lassen (ein bisschen wie der Film “Das Parfüm”). Die Sympathie zu ihm wird hauptsächlich durch seine zynischen, eigenwilligen Gedanken erzeugt, entsteht also nicht durch die Präsentation, sondern im Zuschauer selbst. Dadurch wirkt die Serie besonders makaber, denn der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen der Faszination von Dexter und seinem eigentlich unmoralischen Handeln (Sopranos anyone?). So gesehen macht man sich über Moral und Gewalt sogar mehr Gedanken als bei den üblichen eindimensionalen Guter-Cop-böser-Bube-Filmen.

    Außerdem erfährt man im späteren Verlauf noch mehr über den Grund für seine scheinbare Gefühllosigkeit, sein schwieriges Verhältnis zu seinen Geschwistern und über die Beziehung zu seinem Vater, und wie er wirklich zu Dexter stand. Er ist also ein durchaus tiefgründiger Charakter, und gerade das macht die Faszination an ihm aus und erzeugt die gespaltenen Gefühle.

    Die erste Staffel ist bereits erstklassig, aber die zweite Staffel ist (meiner Meinung nach) sogar noch besser. Für mich ohne Frage die beste Serie, die ich kenne. (Kein Vergleich zu Lost! *duck*)

  50. Philisher sagt:

    Hallo zusammen,

    hat man mich doch tatsächlich motiviert, mich hier zu registrieren, beim verzweifelten Versuch die meiner Meinung nach beste Serie der letzten Jahre zu retten… oder wenigstens eine der Besten.

    Dexter spielt – zumindest im Originalton – mit eben den angesprochenen Klischees gerade bei den Kollegen der Polizei und nutzt Sie eigentlich brilliant, um eine gewisse Unvorhersehbarkeit zu erzeugen, die von wiederkehrenden Verhaltensmustern unterbrochen wird. Auf diese Weise entstehen – auch wenn ich zugebe, das das vielleicht nach 2-3 Folgen noch nicht ersichtlich ist – sehr glaubwürdige Charaktere, die sich einerseits weiterentwickeln, auf der anderen Seite aber ähnlich wieder andere Mensch auf diesem Planeten trotzdem Gewohnheitstiere sind, die gerne in angelebte Verhaltensmuster zurückfallen.
    Das gleiche kann man auch über den Hauptcharacter sagen. Dexter Morgan ist zweifelsohne eine schwer gestörte Persönlichkeit, reflektiert mit seinem eigenen Moralkodex allerdings gleichzeitig die teilweise gestörten Moralvorstellungen unserer Gesellschaft – wenn auch sicher in einem Extrembereich.

    Vielleicht solltest Du der Serie noch eine kleine Chance geben, in meinen Augen stellt sie ein hervorragendes Beispiel dar, welchen Vorteil Serien gegenüber Filmen haben (und leider viel zu selten nutzen) – die Charactere können sich entwickeln. Und das tun sie meiner bescheidenen Ansicht nach gerade hier in Perfektion. Dexter hadert mehr als einmal mit seiner eigenen Moral und seiner Wertvorstellung, bemerkt die Zwispältigkeit seiner eigenen Realität und kämpft dagegen an. Die in der deutschen Version als “coole Sprüche” wahrgenommenen Off-Kommentare von Dexter sind im Original wiederum selten das, was ich unter “cooler Spruch” verstehe – sie stellen vielmehr eine sehr exakte, gefühllose Wahrnehmung der Realität dar.

    Dexter als Selbstjustiz-Party abzutun ist so ähnlich, wie Computerspiele in denen Waffen vorkommen, pauschal zu verteufeln. Sicherlich fiebert man ein wenig mit Dexter mit. Das tut man übrigens auch in anderen Filmen, die wesentlich populärer sind und die sich um nichts als Selbstjustiz, durch irgendetwas gerechtfertigt, was nicht mehr und nicht weniger Stichhaltig ist, als Dexters Kodex seines toten Adoptiv-Vaters (James Bond mit der “Lizenz zu töten”, sämtliche Marvel-Filme, in denen die Helden auch nur so munter drauf los morden, um “das Gute zu verteidigen”, weil sie irgendwas antreibt…).

    Der Vergleich Dexters mit einem Marvel-Character liegt übrigens sehr nahe – Dexter nutzt das negative, das gewalttätige in sich, um das zu tun, was er für gerecht und gut hält… erinnert sehr an “The Punisher”.

    Da ich davon ausgehe, dass das in der deutschen Version wie üblich versaubeutelt wurde – bitte bitte sowas nicht auf deutsch schauen.

    Schön’ Tach noch!

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