Beleidigt mit Rogue Leaders

Von Boris, Do, 8. Jan 2009 21:59

Ja, lieber Leser, pack es gerne unter “beleidigte Leberwurst”, aber das muß jetzt raus. Bin soeben fertig geworden mit “Rogue Leaders”, der just in USA und UK erschienenen Geschichte von Lucasfilm Games / LucasArts in Buchform mit ganz vielen “geheimen Bildern aus dem Lucas Archiv”. Fand ich die ersten Seiten noch wahnsinnig interessant, fiel das Buch bei mir sehr schnell in Ungnade. Das hat zum einen den Hintergrund, daß man deutlich mehr Seiten mit Text und Bildern zu “Force Unleashed” als zu allen vier Monkey-Island-Spielen zusammen findet und daß nur wenige Menschen genannt und abgebildet werden (da wird beispielsweise Kalani Streicher mehrmals zitiert, ohne jemals zu erzählen, wer das ist/war. AJ Redmer taucht gar nicht auf, von Brian Moriarty gibt´s kein Foto und nur wenige Worte, und so weiter).

Wie es aber unsere amerikanischen Freunde so auszeichnet, wird die internationale Bedeutung von Lucasfilm Games nur mit ein paar, teilweise falschen, Dummy Aussagen unter den Teppich gekehrt. Da ist bei den angerissenen Fakten zu den nie erschienenen Full Throttle 2 und Sam & Max 2 erwähnt, daß die Spiele in Amerika wohl nicht genug verkauft hätten, aber Europa immer noch ein starker Markt für Adventures war. Als eine der wenigen internationalen Packungen wird die hebräische Version von Loom gezeigt (die Disks hab ich damals gemastert und in Scumm gepfuscht um von rechts nach links schreiben zu können). Nicht eine der deutschen Packungen, obwohl die Spiele in Deutschland erfolgreicher waren als im Rest der Welt, fand ins Buch.

Deutschland taucht zweimal auf: Zum einen in der Erklärung, daß “Indiana Jones and the Iron Phoenix” nicht produziert wurde, weil ein Spiel, in dem es um die Wiederbelebung Hitlers geht, in Deutschland nicht verkauft hätte werden können. Und zum Zweiten auf Seite 124, wo als Bildunterschrift links Mitte steht:

Factor 5 has a long history of working with LucasArts, going back to the days of Lucasfilm Games. Starting in 1989, they localized games for the German market from their offices in Cologne with publisher Softgold/Rainbow Arts.

Ich gönne Factor 5 wirklich jedweden Erfolg und alle die großartigen Spiele, die Julian & Team in all den Jahren produziert haben, aber die Übersetzungen haben sie nun garantiert nicht gemacht. Mies recherchiert!

Und auf dem Screenshot von “Koronis Rift” auf Seite 23 ist noch die in den Titelscreen reingemogelte Unterschrift des Crackers zu lesen. Was besonders komisch ist, weil Seiten vorher die Geschichte erzählt wird, wie Atari durch ein Leck, das zu frühen Raubkopien führte, den Release von Fractalus und Ballblazer verhauen hat.

Empfehlung: Wer viel Hintergrund-Material zu den Star-Wars-Spielen der letzten Jahre haben will sowie eine kurze Geschichte der SCUMM-Ära, der greife zu. Als Fan der Lucas-Adventures erwarte man hier keine tiefgreifenden neuen Enthüllungen – aber immerhin ein paar bisher nicht gesehene Konzeptzeichnungen von Steve Purcell. Die Anekdoten-Dichte ist lausig und einiges muß sogar zweimal erzählt werden, um die Seiten zu füllen. Das Bildmaterial aus den Gründungsjahren 83/84 ist allerdings wirklich gut und war für mich auch noch neu. Den relativ hohen Preis ist das Buch meiner Ansicht nach aber nicht wert. Und nein, diese Meinung basiert nicht darauf, daß ich nicht drin vorkomme.

23 Antworten für “Beleidigt mit Rogue Leaders”

  1. Ist es nicht besonders schlimm, wenn eine Firma die eigene Geschichte nicht kennt oder –  mit Verlaub –  zu faul ist, diese richtig zu erzählen? Schade..

    • feierabend sagt:

      Eine Firma ist ja keine Person und hat in dem Sinne auch kein Gedächtnis.

      Aber Traurig ist das allemal.

  2. Winkeladvokat sagt:

    “Wie es aber unsere amerikanischen Freunde so auszeichnet”

    Hm, was ist wohl verwerflicher? Den anderen Kulturkreis zu ignorieren oder sich nur via Bashings über ihn zu äußern? Ganz ehrlich, würden Leute wie Sie das Bild der Deutschen in den USA bestimmen, würde ich verstehen, wenn man uns dort nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde…

    • Schon mal eine amerikanische Tageszeitung gelesen? Oder eine amerikanische TV Newssendung? Diese ständig Nabelschau, bei der das Ausland in der Regel nur vorkommt, wenn man da Truppen hinschickt, ist immer wieder verblüffend. In den USA interessiert man sich nicht die Bohne für das, was woanders passiert, solange es keinen direkten Einfluß auf das eigene Land hat.

  3. NekYar sagt:

    Mal dran gedacht selbst so ein Buch (natürlich erst im mit großen Schritten näherkommenden Ruhestand *duck* :) ) zu schreiben? Du hättest da ja sicher einige sehr interessante Einblicke anzubieten und auch Anekdoten zu erzählen.

    • Keine Zeit, leider. Als nächstes muß ich mir Winnie Forsters neues Buch vornehmen, der recherchiert immer SEHR vorbildlich.

      • GerSeraphim sagt:

        Spielmacher ! :)
        Habs schon hier liegen. Ich glaube Winnie Forster recherchiert nicht, der weiß es einfach ;) . Beeindruckend wieviel Hintergrundwissen in einem Buch stecken kann.

        Zu dem Buch: Den meisten würden die Fehler wohl
        nicht auffallen, aber ich würd mich auch aufregen,
        wenn ich wüsste das irgendwo falsche Sachen über Dinge erzählt werden, die mich mehr oder weniger direkt wwas angehen und mir am Herzen liegen.

  4. Atom sagt:

    Wie ich über den Blog erst auf Winnies neues Werk aufmerksam wurde, thx @ U.

  5. ShinobidoN sagt:

    Na, das Buch scheint ja perfekt in die Reihen solcher Katastrophen wie Force Unleashed und Clone Wars es waren einzureihen. 2008 hat sich Lucas nun wirklich keinen guten Namen gemacht.

  6. Falcon030 sagt:

    Mal völlig weg von der Frage, wie erfolgreich wo ein Lucasfilm/Lucasarts-Spiel war, finde ich es doch sehr schade, wenn die fantastischen Adventures, die mit Sicherheit doch einen großen Anteil am guten Ruf von Lucasarts hatten, so stiefmütterlich behandelt werden.
    Ich spiele immer noch begeistert Titel wie Indy IV oder MI 1 und II (seit kurzem dank mobile ScummVM sogar auf dem Handy) und bedauere es bis heute zutiefst, dass dieses Genre von Lucasarts so links liegen gelassen wurde, nachdem sie auf den Action-Zug aufgesprungen sind.

    • derKlaus sagt:

      bzw. den StarWars und Actionzug aufgesprungen sind. The Force Unleashed fand ich total unterirdisch. Fracture war ganz nett, aber mehr auch nicht.

  7. DarkVamp sagt:

    Lies lieber “Computer- und Video-Spielmacher” das taugt was !

  8. hdgamer sagt:

    Och man darf hierzulande keinen virtuellen Hitler wiederbeleben – armes Deutschland. Und wenn du ein wenig angepisst bist, dass Factor5 unter anderem deine Lohrbeeren bekommt kann ich gut verstehen. Ich wäre es auch !

  9. gunatm sagt:

    Irgendwie überrascht es mich nicht, daß LucasGames kein ehrliches Interesse daran hat. Tut mir leid, Boris. Dafür hast du ja mal ein schönes Interview zu den alten Zeiten gegeben. ;)

  10. derKlaus sagt:

    Mit anderen Worten kann man dieses Buch als eine Bildzeitungs-Edition ansehen…

  11. derKlaus sagt:

    Wer ist bei dem Schinken eigentlich der Herausgeber, bzw. die Autoren? klingt ja auch nach irgendwelchen Auftragsschreibern, die hauptsächlich Kohle machen wollen.

  12. slider sagt:

    Gibt es eigentlich auf der anderen Seite empfehlenswerte Bücher zu dem Thema allgemein? Ich überlege seit längerer Zeit Game Generations von Frank Magdans zu kaufen, bin aber nicht sicher ob sich das lohnt.

  13. PatTheMav sagt:

    Wirklich traurig ist das allen voran deshalb, weil es im Internet unzählige Seiten gerade in und aus dem Umfeld von ScummVM gibt, welche die Entstehungsgeschichten und Anekdoten aus den Zeiten so ziemlich aller LucasArts-Adventures beleuchten und ausführlich schildern – angefangen bei Konzeptzeichnungen und ersten Entwürfen von Moriartys LOOM bis hin zur Entwicklung von so teuren Projekten wie “The DIG”.

    Es ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie ein relativ fauler Haufen mit ein bisschen Kohle sich Zugriff auf Archive verschaffen und dann ein Werk “hinrotzen”, wo sich andere vollkommen ohne Entlohnung und Bezahlung in ihrer Freizeit die Mühe machen, weitaus bessere und liebevollere Archive aufzubauen.

  14. DS_Nadine sagt:

    Ich glaub auch das Winnie Forster das alles aus dem Kop weiss. ;)

    Aber auf ein Buch von Dir würd ich mich freuen, muss ja nicht so bald sein. Ich weiss ja nicht was man in deiner Position verdient, aber wenn Du die Rente dann doch noch vor 67 antreten kannst wär ja noch etwas Zeit für ein Büchlein von Dir bevor ich in die ewigen Jagdgründe ziehe. :-P

  15. Sebastian089 sagt:

    Dazu muss ich, so traurig es auch ist, sagen: Wundert es Dich wirklich?
    Diese Firma hat doch in den letzten Jahren alles getan um ihre “heritage” unter den Teppich zu kehren oder kleinzureden. Wie kurzsichtig und kleingeistig diese StarWars – Vermarktungsmaschinerie mittlerweile ist, zeigt doch allein der Erfolg den Telltale mit den von LA gecancelten Sam’n'Max Nachfolgern hat.
    Der Geit, der den Namen LucasArts wirklich groß gemacht hat, existiert doch schon seit über 10 Jahren nicht mehr.
    Ich werde den Niedergang des klassischen Point’n'Click Adenvetures nie verstehen. Die Technik war doch ca. MI3 genau auf dem Zenit, der für dieses Genre perfekt ist: Interaktiver Cartoon. Für Adventures, die vorrangig eine gute Geschichte erzählen müssen, braucht man kein 3D und soviel teurer als dutzende 3D – Modelle und Welten können halbstatische Handzeichnungen doch gar nicht sein…

  16. Also ich finde es ehrlich gesagt ein Unding, das du nicht den Weg ins Buch gefunden hast. Schliesslich warst du nicht unwesentlich daran beteiligt, das die Spiele von Lucasarts hier in Deutschland so einen Erfolg hatten.
    Aber wie schon gesagt wurde, was will man von einer Firma erwarten, die ihre eigene Geschichte nicht kennt?

    Mal eine Frage die mir schon seit Jahren auf dem Herzen liegt: Wer ist der Mörder in dem Spiel “Murder on the Mississippi” gewesen?

  17. frostpfote sagt:

    Ich hab das Buch auch die ersten Seiten über verschlungen und war überrascht, wie schnell das weiterging. Über die guten und aus meiner Sicht interessanteren frühen Jahre hatte ich mehr erwartet. Die Anekdoten kann man übrigens alle auch einem youtube-Video von David Fox von einer Konferenz vor wenigen Jahren entnehmen.
    Dass zu X-Wing Alliance keine Erweiterung oder Fortsetzung geplant wäre, wie in Rogue Leaders behauptet, ist ebenfalls falsch, die Story im Spiel endet mit einem heftigen Cliffhanger – da war durchaus mehr geplant.
    Die wenigen kritischen Passagen im Buch über die neuen Lucasarts und die Fokussierung auf den Konsolenmarkt sind nicht viel besser…
    Boris, wenn’s das Buch nicht tut – ich danke für die tollen Übersetzungen!

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