Atomisiert

Von Boris, Di, 2. Feb 2010 22:17

Ich hatte es immer wieder mal angedeutet und dann monatelang verschlampt, über meine PC-Ausstattung zu Hause zu reden. Denn privat bin ich inzwischen ein Intel-Atom-Haushalt. Mein Flirt mit Atom fing mit einem der ersten Netbooks an, einem Acer 150D, das auch heute noch mein PC für unterwegs ist. Ich bin zwar immer wieder versucht, doch ein anderes Netbook zu bekommen, welches einen Non-Glare-Bildschirm hat, aber nur wegen des Screens wird kein weiteres Gerät gekauft.

Mein Netbook-Abenteuer begann als Experiment mit Windows 7: Um eine Maschine zu haben, auf der man die Win 7 Beta installieren konnte, kam das Acer-Testgerät in meine Hände. Im Hinterkopf immer die Geschichten, daß diese Netbooks in der Leistung stark eingeschränkt seien und das man nur beschränkt mit ihnen arbeiten könnte. Vista könne man gleich vergessen und mit Windows 7 sei es “erträglich”. Dem kann ich zum Glück widersprechen.

Nun, als Arbeitsgerät, auf dem im wesentlichen zwei Applikationen laufen – ein Internetbrowser und eine Office Suite – hat so ein Netbook mehr Leistungsreserven als mir wichtig ist. Ich habe eine einzige, extrem große Excel Datei, bei der ich tatsächlich sehr deutlich merke, daß das Arbeiten länger dauert als auf meinem Büro-Notebook (Dual Core 2,8GHz) – aber im Normalbetrieb spüre ich keine Verlangsamung. Und ja, Videos in höheren Auflösungen werden nur stotternd wiedergegeben. Aber die schau ich eh nicht auf dem Netbook an. Ich habe selten das Gefühl, das Gerät sei zu langsam. Allerdings nervt mich ständig der kleine Bildschirm, ich nutze hochauflösende Monitore immer gerne bis zum Anschlag aus und hab gern große Textmengen auf einmal und ohne Scrollen im Blickfeld.

Mit Extraakku und einer kleinen Maus (natürlich auch von Microsoft) macht mir dieses Netbook zum Beispiel auf Zugfahrten viel mehr Spaß als meine bisherigen Notebooks. Meine Lieblingsbeschäftigung für “München-Frankfurt und zurück” ist das Aufarbeiten der ganzen alten “Nicht so wichtig” Emails. Dafür liebe ich inzwischen Outlook 2010, welches einen neuen “Fullscreen”-Modus hat, bei dem man diverse Menüs wegblendet und so den kleinen Bildschirm ordentlich ausnutzen kann. Und das Netbook braucht nicht nur weniger Platz in meinem Rucksack (und weniger Gewicht), sondern auch auf dem Tisch des ICEs – mehr Platz für meine Maus! Und ich muß auch nicht auf einen Sitzplatz mit Steckdose schielen, da ich deutlich mehr als sechs Stunden effektive Arbeitszeit aus dem Akku rausleiere.

Nach den guten Erfahrungen kam ein weiteres Acer-Gerät ins Haus, ein Acer Revo 3600, welcher neben dem Intel-Atom-Prozessor auch den Nvidia-Ion-Chipsatz bietet, der rudimentäres 3D, Videodecoding und auch beschleunigtes Encoding versprach. Von den Maßen her vergleichbar mit einem Mac Mini (allerdings ohne Laufwerk) und mit einer praktischen Halterung, um den Acer direkt an einen Monitor zu klipsen. Dieser Acer schlägt sich wacker als mein “Heimcomputer”, reicht auch für Emulationen alter Spiele und die Casual Games, die ich so mache (alles grafisch aufwendige spiele ich auf Xbox). Ich muß selten auf etwas warten und habe dafür einen PC der, als Komplett-System, nicht nur leiser und preiswerter als eine aktuelle High-End-Grafikkarte ist, sondern auch nur 10% des Stroms verbraucht. Wenn man bedenkt, daß vor der Erfindung der Energiesparlampe jede Glühbirne in meinem Haushalt mehr Strom brauchte als dieser ganze PC…

Ich muß immer wieder lesen, in Technikblogs oder selbst in der c’t, wie “lahm” doch ein Atom-getriebener PC so sei. Das stimmt natürlich auf der theoretischen Ebene der Benchmarks sowie bei 3D-Spielen, aber im Arbeitseinsatz eben nicht. Als “alter Knacker” der Computerbranche sage ich auch, daß ich vor zehn Jahren für die Rechenleistung eines Atom-PCs getötet hätte, weil er sämtliche anderen Geräte vom Platz gefegt hätte. Heute hab ich kein Interesse daran, 450 Watt zu verbraten, damit der Computer schneller auf meine Texteingabe warten kann.

Der Revo 3600 hat jetzt im Wohnzimmer einen Zwillingsbruder bekommen, einen 3610, der die Dual-Core-Variante des Atom-Prozessors enthält. Der schnellere PC ist dabei nicht mein Arbeitscomputer geworden, sondern wurde das “Windows Media Center”. Und das liegt weniger an der Leistung, als an der Tatsache, daß ich beim 3600 keinen Sound über HDMI mehr bekomme (ich habe ganze Tage in das Problem investiert) und das der 3610 eine deutlich bessere WLAN-Empfangsleistung zu haben scheint, zumindest an der Stelle, wo mein Wohnzimmer-PC “stehen” soll. Da mein Fernseher leider keine Vesa-kompatible Bohrung hatte, um den Revo hinten anzuflanschen, habe ich kurzerhand die mitgelieferte Halterung an den Fernsehschrank geschraubt. Sieht sehr futuristisch auf und spart durchaus Platz. Und ja, ich sehe bei Window Media Center auch einen Geschwindigkeitsunterschied zwischen den beiden Geräten, der 3610 ist schneller, insbesondere wenn ich vom analogen Kabel-TV zum DVB-T Tuner umschalte oder eine 80 GByte große Musik-Bibliothek durchsuche. Aber der 3600 war immer noch flotter in der Bedienung als diverse Stand-Alone-Festplatten-Rekorder von Philips, Sony und Fast, die ich so in meinem Leben besessen habe. Und die Menüs von denen waren bei weitem nicht so cool wie Windows Media Center 7.

Die einzige Anwendung, bei der ich den PC richtig fordere, ist das Umkodieren von Videos, um sie für meinen Ipod Touch in die Tasche stecken zu können. Das dauert auch mit “Badaboom” recht lange (etwas unter eine Minute Codierzeit für eine Minute Aufnahme), aber weil es den Ion-Chip nutzt, kann ich ohne große Verzögerung weiterarbeiten, während codiert wird. Und weil der Revo schön leise ist und wenig Strom frißt, darf er auch mal nachts ein wenig durchencoden.

Der Amerikaner sagt so schön “Your Mileage May Vary” (Übersetzt: Wieviele Kilometer sie mit einem vollen Tank fahren können, hängt auch von Ihrem Fahrstil ab. Deutsch ist eine soooo lange Sprache…). Es wird nicht jeder mit Netbook und Nettops glücklich sein. Intensiv-Photoshopper beispielsweise werden an die Grenzen stoßen. Ich aber bin mit meinen 43 Lenzen aber entschleunigt genug, um zu Hause stromsparend zu “computen” und dabei doch auf dem Bildschirm Sachen zu sehen, die vor 20 Jahren noch absolute Zukunftsmusik waren.

23 Antworten für “Atomisiert”

  1. Bash sagt:

    Ha! Ich hab heute das erste Mal meinen Laptop an meinen Flachbildfernseher angeschlossen und es hat mich genervt, dass ich erstmal wieder Sound auf HDMI umstellen musste und am rumfummeln war, bis alles lief – inklusive zurückstecken, um dann an meinen 24 Zoll Monitor wieder normal mit dem Laptop arbeiten zu können.

    Danke für den tollen Hinweis mit dem Acer und dem ION-Chipsatz und der Encodierzeit. Wenn das Gerät wirklich nur “Echtzeit” benötigt, und man nebenher sogar weiter arbeiten kann, wenn das Gerät kodiert, und wenn Du es durchlaufen lässt – dann besorg ich mir das Ding jetzt anstatt eines MacMini, der ja auch mal eben das Doppelte kostet (295 kostet der Acer 3610, 549 der kleinste MacMini). Wobei der MacMini kein HDMI kann und sich deshalb für den Anschluss an den Fernseher eh verbietet.

    Ach und was nicht ganz durchkommt in Deinem Beitrag: Windows Media Center 7 ist auf dem Acer 3610 bereits mit drauf, es ist in Windows 7 Home Premium bereits enthalten.

  2. fabnapp sagt:

    und genau das ist es was Steve Jobs offensichtlich so Angst macht weshalb er bei der iPad Show seinen inhaltlichen völlig falschen Rant über Netbooks abgezogen hat. Ein Rechner der für 20% der Kosten (ohne Energie…) den User zu 80% glücklich macht ist fortschrittlich – aber nicht gut zu Aktionären von hochpreis Hardware

  3. Markus sagt:

    Ich glaube mit diesem Beitrag hast du mir einen sehr großen gefallen getan. War als schon am überlegen was für ein Stromsparendes Gerät ich mir hinstelle. Und ich denke es wird ein 3610 werden. Den kann ich laufen lassen und über das Internet von überall drauf zugreifen. Wenn ich meinen jetztigen Heim PC anlasse, dann frisst der 150-200W.

  4. flosbach sagt:

    Sehr schöner Artikel, stand vor einem Monat auch vor der Wahl, wollte ein kleines stromsparendes Gerät, allerdings Laptop/Netbook… Sage schon mal im Voraus, schreibe jetzt von einem Acer Aspire 1810tz. hatte vorher schon Erfahrungen mit Netbook, waren mir allerdings etwas zu langsam. Aber ich denke mit einem ULV Prozessor habe ich eine gute Alternative. Filme um codieren übernimmt allerdings immer noch meine 8800 GT mit Badaboom in meinem großen PC, der sonst allerdings still steht. Mein Acer hat einen HDMI Anschluss was einen sehr flexibel macht mit, TV, Beamern. Könnte garnicht mehr ohne meinen Laptop. Ich hoffe mehr Leute sehen, dass man keine Leistungs + Watt Monster braucht. Aber klar, gespielt wird mit der xbox, noch ohne Atom ;)

  5. Evil sagt:

    ich habe mir zu Weihnachten auch einen Revo 3610 gegönnt und kann eigentlich alles gute nur so bestätigen. Das Teil ist echt wunderbar, läuft unter Windows 7 flott genug und vorallem klappt es auch mit HD Videos super (vorrausgesetzt man benutzt bsp. den Windows Media Player. Mit VLC wird man nicht glücklich bei der HD Wiedergabe.). Da ich fürs Zocken meine Box habe erfüllt der Acer ansonsten eigentlich alle Anforderungen, die ich so an einen PC stelle. Selbst für ein bisschen Programmieren für die Uni taugt das Ding.

  6. Chris sagt:

    Die Atom Plattform ist sehr interessant und zu Recht erfolgreich.
    Die Performance ist allerdings schon sehr beschränkt.
    Ich habe hier ein in die Jahre gekommenes Thinkpad mit 1,3GHz Celeron-M, was grob einem Atom mit 2,6Ghz Takt entsprechen würde.
    Man kann damit auch heute noch gut arbeiten, aber man merkt schon an einigen alltäglichen Dingen, daß moderne Rechner deutlich schneller sind (Flash, Browser, Javascript, Videos, OpenOffice).
    Nett, daß deine Rechner auch mit Emulation beschäftigt sind. Allerdings verpaßt du etwas, da die alten Systeme mit der Zeit immer genauer emuliert werden und entsprechend die Anforderungen an die Rechenleistung steigen. Aber für’s Grobe langt der Atom.

    Leider scheint einigen die Atomplattform zu erfolgreich zu werden, und so werden künstliche Beschränkungen eingebaut:

    - keine digitalen Bildschirmausgänge, nur an einigen teuren Geräten
    - die neue Netbook Atomplattform unterstüzt digital nur noch max. 1366 × 768 und analog 1400 × 1050. Ein schlechter Scherz bei heutigen Displays
    - Windows 7 Starter Edition u.a mit festem Hintergrundbild :( Also auch auf der Softwareseite ein Rückschritt gegenüber den älteren Geräten mit dem normalen XP Home.

    • Ja, Intel mag die Ion Extension von Atom nicht, eben weil in der Kombi das Zeug “good enough” für so vieles ist. Daher die künstlichen Beschränkungen in der neuen Atom-Generation.

    • …und die Starter-Edition hat nix mit Intel zu tun, sondern ist für OEMs einfach das preiswerteste Windows 7. Bei einem 300 Euro Netbook zählt jeder Cent Kosteneinsparung.

      • Chris sagt:

        Schon klar. Ich als Kunde bekam aber früher ein vollständiges Windows wie auf anderen Konsumerrechnern.
        Jetzt erhalte ich zwar ein moderneres, aber sichtbar beschnittenes Windows.
        Das komplette XP Home war aus Microsoftsicht ein Notnagel, um den Markt nicht zu verlieren. Und das hat funktioniert.

  7. gonknoggin sagt:

    Hast Du deine Mediadaten auch auf der Platte des Revo oder noch eine extra NAS-Platte oder MediaServer?

    • Alles auf lokalen Platten, da ich ja keine terrabyte große Sammlung von “Downloads” habe – ein, wie ich immer wieder feststelle, atypisches Nutzungsverhalten heutzutage. Mit Synctoy lokal gesyncht.

      • gonknoggin sagt:

        Hehe ;) – mir ging es auch weniger um “Downloads” als um Sachen wie Musik, Fotos, eigene Dateien usw. Hab mir jetzt einen Acer Windows Home Server geholt und hab dort all solche Sachen zentral liegen und alle Rechner im Haus können darauf zugreifen. Mit automatischer Ordnerduplizierung hat man wenigstens auch noch etwas mehr Datensicherheit – wenn auch Photos (alleine gut 100GB) drei- und vierfach extra gespeichert sind.

      • Habe eine uralte NAS im Keller, die Druckerserver und Bilderkiste ist. Die Bilder werden aber als CD-ROM gebrannt und aufbewahrt.

  8. Pascal Parvex sagt:

    Wie rufst du deine E-Mails ab? Lädst du sie lokal auf eine Festplatte oder erledigst du das im Browser? Lokal stelle ich mir schwierig vor, bei mehreren Computern.

    • Exchange Server (Beruf) und IMAP (Privat) mit Outlook? Keine Probleme, auch nicht mit mehreren Computern…

      • Pascal Parvex sagt:

        Lässt du dann eine Kopie auf dem Server oder wie rufst du die E-Mails mit mehreren Computern ab? Wie archivierst du die E-Mails?

      • Die beruflichen Mails bleiben auf dem Server damit ich von jedem Gerät oder Arbeitsplatz rankomme. Es wird regelmässig alter Krempel von mir gelöscht.

        Privat gibt es ein Archiv wichtiger Mails als .pst Datei, die auch regelmäßig gesichert wird. Allerdings gibt es wenig Mails, die wirklich wichtig sind und die man aufbewahren muß. Zu der Erkenntnis kommt man aber auch erst nach zwanzig Jahren Email und dem Blick, welchen Krempel von 1993 man noch auf der Platte hatte (als Textdateien archiviert damals).

  9. ilinx365 sagt:

    Hi Boris,

    zwei kleine Fragen:

    Hast du mal versucht mit deinem Revo einen AVCHD Film zu bearbeiten (da ich mir demnächst die Canon HF200 und einen neuen PC zulegen möchte) ?

    Welche Auflösung schaft der Revo denn? Ich wollte den dann an einen ca. 22″ Monitor anstöpseln.

    Danke wenn du die Zeit hast zu antworten

    • Nein, ich ediere keine Videos. Ich vermute, da stößt du mit dem Atom-Prozessor auch an Grenzen.

      Meine Revos laufen mit 1080p (einer über HDMI, der andere über DVI). Der Ion-Chipsatz macht alles bis zu 1920 mal 1080.

  10. firaXY sagt:

    Probier doch mal xbmc-live als Media Center (mit Linux unterbau). Lediglich live TV geht noch nicht 100%. Aber fürs “nur Abspielen” von Videos (jeglicher Art, SD bis 1080p) ist es fantastisch.

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