Vom Aufstieg des Nolan und dem Fall von Pixar

Von Boris, Fr, 30. Jul 2010 12:23

Gestern sind in den deutschen Kinos gleich zwei Filme angelaufen, die ganz ganz weit oben auf meiner “Muss ich sehen” Liste standen: Toy Story 3 und Inception. Die dritte Toy Story hatte ich mir schon auf meinem letzten USA-Trip gleich nach der E3 angesehen, Inception war gestern abend an der Reihe.

Spoilerfrei über beide Filme zu reden ist schwierig. Bei Inception ist es ein Verbrechen, jemandem vorab zuviel zu erklären – das zerstört den Spaß. Bei Toy Story gibt es Plot Twists, über die ich meckern will, daher geht es da eigentlich gar nicht. Also: Wer reinen Geistes sein will, lese nicht weiter. Ich verspreche, zumindest im Fall von Inception, nicht zu viel zu verraten, weil ich es geschafft habe, mit minimalem Vorwissen in den Film zu gehen und mich deswegen besonders belohnt fühlte.

Denn Inception ist großartig. Nicht ohne Mängel, aber großartig, weil eine irrsinnig komplexe, verschachtelte Geschichte so erzählt wird, daß man sie im ersten Anlauf versteht. Und zwar so gut, daß man völlig übersieht, wie Charakter-Development bei allen bis auf zwei Personen auf der Strecke bleibt (man erfährt wirklich NICHTS über die meisten handelnden Personen), und daß die Grundidee der verschachtelnden Träume natürlich völliger Blödsinn ist – aber da der ganze Film darauf basiert und das nicht erst am Schluß als Zaubertrick aus dem Hut gezogen wird, sei Nolan verziehen. So wie “Panic Room” legt Inception am Anfang durch geschickte Erklärungen die Regeln fest und spielt dann ein Schachspiel innerhalb dieser Regeln; sie werden ein, zweimal verbogen, aber nie gebrochen.

Optisch ist Inception hervorragend. Nein, nicht jede Szene ist ein Spezialeffekt und es wird auch viel geredet. Aber die im Trailer zum Glück nur angedeutete “Schwerkraft-Verzerrungs”-Sequenz ist im Film so absolut unglaublich brillant gescriptet, gefilmt, geeffektet und geschnitten, daß die nächsten Jahre niemand mehr seine Finger an das Thema lassen sollte.

Ganz anders hingegen Toy Story 3, der mich auf vielen Ebenen maßlos enttäuscht hat. Tip Nummer Eins: Keinen 3D-Aufpreis bezahlen, es gibt nicht eine Szene im ganzen Film, die 3D in irgendeiner Art und Weise ausnutzt (im Gegensatz zu Oben!). Auch ansonsten ist der Film eine Actionkomödie, die die Charaktere aus Toy Story 1 und 2 benutzt, aber nicht ehrt.

Der wesentliche Grund für meine Enttäuschung ist folgender: In TS1 und 2 gab es gute und böse Menschen und das Spielzeug, das größtenteils moralisch integer dazwischen stand. Wer die TS1 Geschichte genau kennt weiß, daß in der ersten Rohfassung Woody ein Arschloch war und Buzz absichtlich loswurde und dann erst geläutert wurde. Es funktionierte nicht, Disney wusch Pixar den Kopf: Aus Absicht wurde ein Unfall und aus Woody ein zu Unrecht geächteter. In beiden Filmen ist der Gegenspieler der Spielzeuge ein Mensch, den es auszutricksen gilt.

In Toy Story 3 hingegen sind die Menschen Staffage. Sie sind austauschbarer Hintergrund denn der eigentliche Konflikt findet (Spoiler…) zwischen Spielzeugen statt. Und daß (SPOILER!) der lila Teddybär nicht nur der Anführer der Bösewichte ist, sondern noch dazu in der Schlußsequenz (bitte nicht weiterlesen) eben nicht geläutert wird, sondern seine letzte Chance der Wiedergutmachung ausschlägt, macht für mich den Plot völlig kaputt. Das ist so un-Pixar wie noch nie.

Dazu kommen eher flache Witze rund um Barbie und Ken, eine unnötige Verwandlung von Buzz Lightyear und die gruseligsten, ängstlichsten Szenen, die Pixar je gebaut hat. Ehrlich – ich würde keinen Achtjährigen in die vorletzte Viertelstunde mitnehmen. Ja, TS1 hat diese gruselige Sequenz, als zum ersten Mal das kaputte Spielzeug auftaucht, aber sie wird schnell und freundlich aufgelöst. In TS3 ist die Auflösung plötzlich, doof und nicht erleichternd – danach hat man immer noch Angst vor der Gefahr.

Und die Nummer mit der Tortilla widerspricht meines Erachtens nach allem, wie in den Filmen bisher die “Spielzeug-Physik” funktioniert hat. Das gerade die Sequenz, in der die bisherigen Regeln gebrochen werden, die lustigste des Films ist, macht mich sehr traurig.

Also – dieses Wochenende Inception schauen und Toy Story 3 nur, wenn man unbedingt will oder muß oder die eigenen Kinder einen des Merchandisings wegen reinschleppen.

Und dabei habe ich Pixar bisher ohne Vorbehalte geliebt.

13 Antworten für “Vom Aufstieg des Nolan und dem Fall von Pixar”

  1. NekYar sagt:

    Vielleicht habe ich es ja falsch in Erinnerung aber hat in Toy Story 2 das “böse” Spielzeug (nicht Zorg sondern der Minenarbeiter, Stinkie-Pete oder so) nicht auch seine Chance auf Wiedergutmachung ausgeschlagen und wurde dann alleine nach Asien geflogen? Gut, er war nicht der eigentliche Bösewicht aber auch der hat sich ja am Ende des Films nicht geändert sondern wurde “nur” bestraft.

    Ändert aber natürlich nichts an der Kritik.

    • Boris sagt:

      Jein. Pete will natürlich nach Japan und “gesammelt” werden, aber er ist nicht auf die Art und Weise “böse” wie gewisse Leute in TS3.

  2. GerSeraphim sagt:

    Also, ich hab gestern Toy Story 3 gesehen, mir hat er eigentlich schon sehr gut gefallen. Vielleicht lags auch daran, dass mich Shrak letztens mal gar nicht begeistern konnte.

    Deine Kritik bezüglich “kinderfreundlich” kann ich aber auf jeden Fall nachvollziehen, da sind schon ein paar Szenen dabei, die etwas düster sind. Was in Toy Story 1/2 geschah, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern, da war ich ja auch noch ein Kind. Aber die Szene in der Buzz nicht er selbst ist find ich doch ziemlich lustig. El Temperamente ;)
    Naja gibts halt verschiedene Meinungen.

    Zu Inception hab ich bisher nur einen TV Spot gesehen, der mich allerdings nicht sonderlich anspricht, zumal ich mit dem Leonardo eigentlich nicht viel anfangen kann, mal sehen.

    Ach ja: der 3D Effekt in TS3 ist wirklich nichts besonderes. Da waren die Trailer zu Konferenz der Tiere und Ich einfach unverbesserlich spektakulärer.

  3. cyrax sagt:

    war von ts3 auch sehr enttäuscht (nicht nur wegen der grottigen bully synchro).

    nur die ersten 15 und die letzten 20 minuten haben das typische pixar flair (ich habe geheult). alles dazwischen ist füllware welche den eigentlich kurzen abschluss auf spielfilmlänge aufblasen soll. die ganze sache mit sunnyside wirkt auf mich unglaublich aufgesetzt und langweilig. nur die nebenstory mit dem kleinen mädchen ist gelungen und für das ende notwendig.

    kann nicht verstehen wie man diesen film als meisterwerk bezwichnen kann, drachenzähmen leicht gemacht ist in jeder hinsicht überlegen.

  4. Inception klingt ja mal interessant, muss ich mir unbedingt anschauen! Danke für den Tipp :-)

  5. ronnymiller sagt:

    In der deutschen Fassung nervt bei Toy Story 3 zusätzlich und ganz besonders die Synchro mit Bully Herbig. Nix gegen Bully, aber er passt nicht zur Figur – der Vergleich mit Tom Hanks verbietet sich eigentlich sowieso und der Austausch der Sprecher gegenüber den Vorgängern ist ein Sakrileg. Das der Film auch nicht soooo toll ist, kann ich verschmerzen. Von allen Pixar Filmen haben mir die Toy Stories immer am wenigsten gefallen.
    Inception ist wahrlich großes Kino. Völliger Humbug, aber wie ein gutes Spiel eben mit festen Regeln und innerhalb dieser sogar meist logisch. Selbst Mr. Spock neben mir zuckte da kurz und fasziniert mit der Augenbraue.

  6. karaokefreak sagt:

    Inception ist der Hammer – komm gerade aus dem Kino und bin noch voll geflashed – unbedingt ansehen!

  7. DarkRaziel sagt:

    Toy Story 3 ist in 3D wirklich keine Augenweite. Hätte ihn auch lieber in 2D geschaut, doch mal will lieber mehr Geld verdienen mit Überteuerten 3D Karten an der Kinokasse.

    Wie “Kats & Dogs 2″ war ursprünglich in 2D, doch aus Geldgier so wie bei “Kampf der Titanen” auf 3D gerechnet um etwas vom Kuchen zu bekommen.

    Bei den Preisen braucht man sich nicht wundern das kaum noch Leute ins Kino gehen und lieber warten bis er auf Blu-ray kommt oder DVD.
    Wenn ich dann eine Familie vor mit an der Kasse habe mit 3 Kindern und sie einen 3D Film schauen wollen und über 50 Euro dafür hin blechen sollen fragt man sich schon.
    Zu DM Zeiten hätte wohl kaum einer 100 DM bezahlt fürs Kino. (PopCorn und Trinken nicht mit eingerechnet)

    Wie Inception werde ich mir nächste Woche am Kinotag anschauen wo die Preisen noch erträglich sind.

  8. Aeuniko sagt:

    Gestern war ich nun mit meiner besseren Hälfte in Inception und was soll ich sagen: wir wurden förmlich überwältigt von diesem filmischen Meisterwerk! Ein solch genial und innovativ in Szene gesetzte Story gab es lange schon nicht mehr zu sehen. Unglaubliche Leistung von Nolan & Co.!

    Ich bin ebenfalls ein großer Pixar-Freund und mit Toy Story 1 und 2 u.a. groß geworden, doch nach deinem ernüchternden Bericht über Teil 3 werde ich mir diesen wohl erst auf DVD zu Gemüte führen. Danke für die Warnung!

  9. Zecher sagt:

    Inception war Klasse. Aber, wenn man darauf bedacht ist alles so wirklichkeitsgetreu wie möglich zu bauen (Stichwort: Teepich), verstehe ich nicht, warum auf nassen Strassen Autoreifen quietschen. Das ist eine hollywoodtypsiche Unart.
    (Genauso wie quietschende Reifen auf Sand)

    Toy Story 3 ist nicht kindergerecht. Dieser Film enthält alle mögliche Formen von Gewalt: Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Erpressung, versuchter Totschlag, fahrlässige Tötung, Verrat, Lüge, Ausgrenzung, Mobbing etc.

    Das ist absolut NICHTS für Kinder. Komisch, dass nur mir das auffällt. Die Szene in der Müllverbrennung ist gar traumatisch für Kinder.

  10. BenSei sagt:

    “Inception” ist in der Tat ein geiler Film, anfangs dachte ich, das wird eine undurchschaubare Geschichte, aber es löst sich alles auf, auch wenn das Ende wirklich fies ist. Aber bei “Memento” (unbedingt ansehen!) war das auch so.

  11. Winkeladvokat sagt:

    Immerhin eine halbe Überraschung: Was “Inception” betrifft, gehe ich mit Herrn Schneider sogar ausnahmsweise konform. Ein in jeder Hinsicht sensationeller Film, dessen größte Leistung es ist, sein Publikum zu fordern. Für einen Mainstream-Film durchaus beachtlich, auch wenn Herr Nolan dafür ohnehin bekannt ist.

    Bei “Toy Story 3″ scheiden sich unsere Geister jedoch in einer Weise, wie dies zuletzt bei “Live Free or Die Hard” und vor allem “Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull” der Fall gewesen sein dürfte. Vor allem letzterer ein bodenlos schlechtes Machwerk, das Herrn Schneider so restlos begeistert hat, dass er jegliche Kritik daran mit mangelnder Intelligenz und Boshaftigkeit gleichsetzte. ;-) Nun, “Toy Story 3″ hat die Ehre, zu den wenigen Filmen zu zählen, die beim Kritikenspiegel rottentomatoes 99% Empfehlungen einfahren konnte. Auf imdb rangiert er auf Platz zehn der beliebtesten Filme überhaupt. Dies nur um zu veranschaulichen, dass man eine “Warnung” von Herrn Schneider vielleicht jetzt nicht unbedingt zur Basis seiner Besuchsentscheidung machen muss ;-)

    Ich persönlich fand den Film grandios, auch wenn Figuren und Thematik mittlerweile zu vertraut sind, um “Ratatouille” oder den fantastischen “Oben” (oder die erste halbe Stunde des letztlich leider auf hohem Niveau enttäuschenden “Wall-E”) von der Spitze meiner Pixar-Hitliste zu schubsen. Ein cleverer Film, der wunderbare Parallelen zum ersten Teil zieht, Situationen und Figuren weiter entwickelt, ebenso witzig wie anrührend ist. Thematisch ist “Toy Story 3″ tatsächlich vergleichsweise erwachsen – wie es auch schon “Oben” und Teile von “Wall-E” waren. Aber zu düster für Kinder? Keine Spur. Tatsächlich ist der “Härtegrad” von “Toy Story” um einiges höher – Folter, Exekution, Spielzeug-Zombies, etc… Allerdings galt schon da: was sich geschrieben wenig kindgerecht anhören mag, wurde von den Genies (bei bislang 100%-Hit-Output ist der Titel wohl verdient) von Pixar damals wie heute in einer Art und Weise umgesetzt, vor der man nur den Hut ziehen kann. Mit Teil 3 hat die Trilogie in meinen Augen ihren Höhepunkt erreicht. Ach ja – OV-Fassungen sind einer Synchro meiner Meinung nach ohnehin immer vorzuziehen, für Disney/Pixar-Filme gilt das sogar in besonderem Maße. Die sind fast so miserabel eingedeutscht wie der Xbox-Marktplatz ;-)

    @DarkRaziel
    Ganz im Gegenteil wird ein Schuh daraus: “Toy Story 3″ (der 3D wunderbar subtil einsetzt und dadurch nochmals gewinnt) wurde ganz klar für einen 3D-Einsatz produziert. Nachträglich “bearbeitet” (was bei einem CGI-Film ohnehin ein wenig aussagekräftiger Begriff ist…) wurden die ersten beiden Teile – und obwohl das Ergebnis wirklich überzeugend ist, hat man sich nach dem Fiasko des unsäglichen “Clash of the Titans” (der in der kurzen Zeit noch nicht einmal fertig konvertiert werden konnte…) entschieden, diese beiden Filme entgegen ursprünglicher Planung NICHT regulär in die deutschen Kinos zu bringen, um 3D durch vermeintlich billige Geldschneiderei (was “Titans” ohne Zweifel war) nicht unnötig zu schaden. Und 50 Euro für zwei Stunden Spaß mit drei Kindern ist zu viel? Wann waren Sie denn das letzte Mal einigermaßen vernünftig essen?

  12. Jürgen sagt:

    So, habe mir mit meiner Göttergattin auch mal “Inception” angesehen. Ich war völlig unvoreingenommen, da ich weder Trailer noch sonstige Infos zu dem Film hatte.

    Leider fanden wir den Film zu lang, unnötig kompliziert und auch die Umsetzung des Unterbewussten und der Traumwelt wirkte auch mich relativ banal und fantasielos. Auch die Action kam mir leider zu aufgesetzt vor. Aber ohne sie hätte dem Film wohl die nötige Dynamik und der Druck gefehlt.

    Was die Charakterzeichung betrifft: sie fehlt wirkich bei fast allen und was noch dazu kommt, DeCaprios Figur ist zwar ein gebrochener, schuldbewusster Charakter, aber er ist eben selbst schuld. Ich habe zu seiner Figur, die ja die Hauptperson ist, keine Symapthie entwickeln können. Im Grunde ist er ein Arsch,… aber ich will da nicht zu sehr spoilern.

    Wenn man den Film mit “Matrix” vergleicht, zieht er vom Aha-Erlebnis, Unterhaltungsfaktor und der inneren Logik des Plots – zumindest für mich – klar den kürzeren. Ich habe mich leider gelangweilt, auch weil das Ende doch sehr vorhersehbar war. Irgendwas in dieser Art musste ja kommen.

    Das größte Problem bei Filmen, bzw. Geschichten dieser Art ist für mich jedoch: wenn auf Grund der Logik des Traumes alles erlaubt ist, wenn alles passieren kann und möge es noch so abstrus sein, wird für mich alles was passiert schnell belanglos. Das ist, wie wenn man bei einem Casualspiel nicht sterben kann.

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