Was ist eigentlich “Certification”

Von Boris, Fr, 14. Okt 2005 16:14

Auf dem PC ist alles ganz einfach: Wer ein Spiel veröffentlichen will, ist seines eigenen Glückes Schmied. CD pressen, ausliefern und dann hoffen, daß man nicht viermal patchen muß, bis alles läuft.
Auf Konsolen kann in der Regel nicht gepatcht werden (auch auf Xbox Live ist Patchen nur bei Bugs im Online-Modus erlaubt) – und damit das so bleibt, geht jedes Spiel in einen Prozess namens “Certification”. Bei dieser Zertifizierung wird jedes Spielprogramm auf grundlegende Funktionen geprüft: Läuft es auf jeder Baureihe der Konsole? Gibt es Abstürze, wenn die DVD dreckig ist? Klappt das Speichern und Laden von Spielständen? Werden alle Videomodi unterstützt? Was passiert, wenn der Controller ausfällt (normalerweise Auto-Pause)? Werden Spielstände von anderen Produkten gefährdet? etc. etc.
Sprich, bei der Certification geht es nur um das Sicherstellen, daß technisch mit dem Spiel alles in Ordnung ist. Alleine dieses Testing dauert, weil es extrem genau durchgeführt wird, in der Regel eine Woche; im Schnitt werden etwa 100 von diesen Parametern getestet.
Was hingegen nicht Bestandteil der Certification ist, sind alle Teile der Spielelogik: Kann man das Spiel überhaupt durchspielen? Wie schnell ist der Online-Modus bei sieben Spielern wenn drei davon einen hohen Ping haben? Wenn man im siebten Level hinter der dritten Tür rückwärts durchgeht, warum erscheint dann ein Monster über der Lampe? Das sind alles Fragen, die der Hersteller und Programmierer des Spiels sich selbst stellen muß und die nichts mit Certification zu tun haben.
Die Zertifizierung ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen will der Konsolen-Hersteller sicherstellen, daß der Titel technisch fehlerfrei läuft; aber er darf dem Spielehersteller nicht einfach wegen eines logischen Bugs verbieten, das Spiel nicht auf den Markt zu bringen. Schließlich hängt eine Menge Geld davon ab, daß Spiele pünktlich erscheinen und der Konsolenhersteller darf nicht einfach willkürlich bei einen Hersteller einen Bug finden, und es verbieten, beim anderen nicht. Daher testet die Certification nur nach einem strengen, für alle Spiele gleichen Fragenkatalog.
Das ist natürlich gerade bei Xbox Live frustrierend, wenn ein Spiel partout nicht so läuft, wie man sich das als zahlender Kunde vorstellt. Nur darf Microsoft den Publishern da keine Vorschriften machen, sondern kann die Spiele eben nur auf rein technische Mängel testen. Anfragen wie “Warum sagt Microsoft nicht Firma X daß die endlich dieses und jenes machen sollen” kann man nur mit “Weil Microsoft anderen Herstellern eben keine solchen Vorschriften machen darf, sonst kommt das Kartellamt” beantworten. Ähnliches gilt für Sony und Nintendo, by the way.
Und deswegen steht übrigens das Launch-Lineup für Xbox 360 noch nicht fest: Noch kein einziger Titel ist bis heute durch die Certification durch; dieser Prozess startet erst in wenigen Tagen. Und wenn dann ein Spiel wegen eines technischen Bugs durchfällt, ist ein Erscheinen am 2. Dezember höchst unwahrscheinlich.

20 Antworten für “Was ist eigentlich “Certification””

  1. OKST666 sagt:

    Und wenn ein Spiel eines Drittherstellers beim certifying doch einen technischen Mangel aufweist?
    Auch dann könnt ihr das Spiel nicht zurückweisen ?

    Du gibst selbst “Gibt es Abstürze, wenn die DVD dreckig ist?” an.
    Speziell UBI-Soft Spiele sind anfällig für Dirty-Disc errors…Es gab glaub ich noch keinen Rianbow oder Ghost-Recon Titel der damit nicht zu kämpfen hätte…die Foren sind voll von solchen Meldungen.
    Was Abhilfe schafft ist nicht etwa Disc zu reinigen (ist normalerweise ja nicht mal dreckig) sondern einfach nur XBOX neu starten.
    Von wo kommt denn sowas ?
    Womit hat man es dann zu tun…Absturz und einfach nur falsche Fehlermeldung ausgegeben ?

    Versteh mich nicht falsch, ich will nicht auf diesem einen Fehler rumreiten, sondern mehr erfahren über diesen Zertifikationsprozess.

  2. Administrator sagt:

    Genau, da hat ein logischer Bug falsche Daten von der DVD angefordert, die nicht auffindbar sind, und dann kommt diese Meldung, daß die Disk unlesbar ist.

    Diese Dialogbox ist dann Zertifikations-konform. Nicht zertifikations-konform wäre “Abstürzen ohne irgendeine Meldung”. Sprich, Microsoft schreibt nur vor, daß bei Lesefehlern die Meldung zu erscheinen hat. Wodurch der Lesefehler ausgelöst wird, ist Sache des Herstellers. Leider.

  3. Administrator sagt:

    JTR, es gibt siebzehn Fantastillarden verschiedene Kombinationsmöglichkeiten aus Grafikkarte, Prozessor, Soundkarte, Maus und den dazugehörigen Treiberversionen. Da kann keine Firma der Welt was zertifizieren; höchstens für zum Beispiel den Aldi-PC. “Läuft garantiert auf dem Aldi-PC solange Sie keine neuen Treiber installiert haben.”
    Man sehe sich alleine die Release Notes von Nvidia-Treiber an, um klar zu sehen, das Zertifikation auf Windows völlig unmöglich ist.

  4. StoKi sagt:

    auch wenn es ein wenig offtopic ist, aber doch ein wenig hier reingehört:

    muss denn nun jedes Xbox 360 Spiel einen MP Modus über XBL haben? Ich beziehe mich vor allem auf die Pal-Fassungen der EA Sports-Produkte

  5. 3of19 sagt:

    Naja, wünchesnswert wäre es. Aber alle drei Hersteller haben Angst es sich mit EA zu verscherzen, da wird bestimmt mal hier und da ein Auge zugedrückt. Siehe nur PSP Madden.

  6. suicide sagt:

    @JTR: Also bei PCs eine Zertifierung einzuführen halte ich auch für unmöglich. Da gibt es zuviel unterschiedliche Hardware und zuviele verschiedene Software Kombinationen.

    @Boris: Interessanter Artikel. Ich wusste noch nicht, dass die Certification so ein komplexer Prozess ist.
    Ich könnte mir jetzt noch folgendes Szenario vorstellen: Jemand der diese Certification durchführt ist ja bestimmt Spielefan. Angenommen derjenige bekommt in den nächsten Tagen eines der neuen XBox 360 Spiele in die Hand und soll das überprüfen. Der wird das doch bestimmt auch durchzocken, oder nicht? Und bei letzterer Aktion, kann man ja bei logischen Bugs o.ä. den Publisher aufmerksam machen. Ob dieser dem Tipp folgt, kann ja wie beschrieben Microsoft nicht fordern, aber ich würde das als Publisher sehr begrüßen.

  7. Bill Gates sagt:

    Gegen “aufmerksam machen” hat auch niemand etwas einzuwänden. Ich gehe aber mal davon aus, dass es nicht Microsofts Aufgabe ist, den Betatester zu spielen.

  8. Murke sagt:

    TJa ziemlich blöde dieses certifaction aber ich freu ich auf meine xbox 360 denn die wird rocken!

  9. ZoNicONE sagt:

    Eine Zertifizierung bei PCs gibt es (im weitesten Sinne) schon, und zwar bei Apple.

    Jeder Hersteller, der sein Produkt für einen Apple-Rechner rausbringen möchte, muss sein Produkt zur Evaluation an Apple überlassen. Dadurch hat Apple immer volle Kontrolle über Kompatibilität und Performance.

    Großer Nachteil des ganzen ist aber, das der Testvorgang zum einen viel Zeit benötigt und zum anderen unheimlich teuer ist. An Grafikkarten sah man das eine Zeitlang besonders gut, ATIs R200-Reihe (9700 Pro und konsorten) konnte per Firmware-Hack Apple-Tauglich gemacht werden. Die Hardware war also die gleiche, trotzdem waren vergleichbare Grafikkarten für den Mac rund 10% teurer.

    Abgesehen davon ist der Apple-Markt nur ein Bruchteil des Gesamtmarktes… wenn man das für jedes Bauteil machen müsste, na dann gute Nacht.

  10. schorni sagt:

    Achtet man bei MS auch auf den Spielinhalt oder ist euch das egal? Oder anders gefragt, könnt ihr eine Veröffentlichung wegen mangelhaften Spieleinhalt verhindern?

  11. Souljumper sagt:

    @Schorni
    Darum gings doch in diesem Thread. Microsoft darf sich rechtlich nicht einmischen, egal ob das Game der letzte Müll ist, sonst droht Ärger von Kartellamt.

    Theoretische kann ein Publisher ein Spiel veröffentlichen das aus einem leeren Raum besteht, Microsoft kann da nichts machen.

    Spielinhalte gehen Microsoft so gesehen nichts an.

  12. Bill Gates sagt:

    Wo bleibt dann die lang ersehnte Eierlauf-, Sackhüpf-, Blindekuh- und Topfschlag-Simulation, wenn es doch so einfach ist? “Happy-lympics 2006″ oder so. Der Markt schreit geradezu danach!

  13. ZoNicONE sagt:

    Vorsicht, EAs (schlecht bezahlten und überarbeiteten) Spione sind überall… und nach dem Müll den die uns in letzter Zeit aufgedrückt haben, finden die die Idee mit den Happy-lympics garantiert genial.

  14. schorni sagt:

    @Souljumper
    Fällt mir schwer zu glauben, dass man jedes Unsinnige, brutale, sexistische oder geschmacklose Spiel einfach so hinnimmt. Letzendlich geht es da auch um den “Ruf” der Konsole oder Firma.

  15. ZoNicONE sagt:

    Als Publisher hätte Microsoft das recht, an Spieleinhalten zu meckern, sofern diese vom Entwickler vorher nicht offengelegt wurde. Aber Microsoft führt in diesem Fall nur eine art quality assurance durch, und hat keinerlei mitspracherecht was den Inhalt das Spiels angeht.

    Bis vor einigen Jahren hat Nintendo noch verboten, das Spiele mit gewalttätigem Inhalt mit dem Nintendo-Logo vermarktet werden. Trotzdem haben es Spiele wie Killer Instinct und Mortal Kombat auf den SNES geschafft (und waren alle sehr erfolgreich mit ihren Tabubrüchen).

    Und ganz im Ernst… es gibt auf jedem System unsinnige, brutale und sexistische Spiele. Und sobald DukeNukem4Ever rauskommt (jaja, ich weiss, Flachwitz) werden sich wahrscheinlich sogar alle drum schlagen.

  16. Rikibu sagt:

    Einerseits lobenswert das ihr euch offensichtlich so viel mühe gebt beim testen usw.

    trotzdem schwirrt mir beim lesen des artikels die frage durch den kopf wie die spiele

    wwe wrestlemania 21 und shadow ops red mercury eure zertifizierung jemals positiv durchlaufen konnten.

    beide sind vollgefüllt mit bugs.

    bei wrestlemania sind diekonzeptionellen fehler so heftig das es abstürze gibt, dinge sind schon freigeschaltet obwohl man sie noch gar nich gekauft hat, saves werden gespeichert und sind irgendwann corrupt und nich mehr ladbar usw.

    nehme ich mal das als maßstab was eure zertifizierung noch als “zumutbar” im sinne von “kann auf den massenmarkt” geschmissen werden, stellt sich für mich die frage

    is die qualitätssicherung nur marketing gag oder wirklich ernst gemeint.

    oder hab ich in letzter zeit nur ins klo gegriffen was meine xbox game anschaffungen angeht??

    hoffen wir das auf der 360 besser wird.
    zumindest kann dann kein publisher sagen es gäbe zu wenig ressourcen – nur unbegabte programmierer die es einfach nich drauf haben oder publisher die termindruck der qualität vorziehen.

    in gewisser weise is das ja auch rufmord für eure daddel plattform. wieso sollt ihr da nicht konventionen was qualitätsrichtlinien angeht, vorgeben dürfen?

    das gibts doch in anderen branchen auch

  17. Souljumper sagt:

    Der zeitliche Aufwand bei Microsoft noch einen interne Test der Software auf logische Fehler durchzuführen ist doch gigantisch – sowas würd sich doch sofort in höheren Preisen für den Endverbraucher äußern.

    Da kann man von 100€/Game ausgehen, wenn Microsoft da nochmal im Alleingang weis gott wieviel Stunden damit verbringt um den Inhalt des Spiels auf Richtigkeit, Zumutbarkeit und Funkionalität hin prüft.

    Schau dir mal die Playstation an, gigantische Spielebibliothek – aber wieviele von den GAmes taugen überhaupt was? die wenigsten. Die meisten sind Softwaremüll, mit denen Sony aber kräftig de Werbetrommel dreht. Hat für den Konsolen-Hersteller also nicht nur Nachteile.

    Der Verbrauch hält eine Konsole mit vielen Spielen in erster Linie für eine erfolgreiche Konsole…

  18. Evilkiller sagt:

    Ich kenne das Beispiel Wrestlemania XXI auch, jedoch sind es dort fast ausschließlich spieltechnische Bugs, die, wie Boris geschrieben hat, Microsoft nix angehen.

    Und wirklich, jemand wie Microsoft kann sich in sowas nicht einmischen. Stellt euch vor, ein Publisher bzw. Entwickler gibt mehrere Millionen aus, um ein Spiel zu entwickeln, nur damit am Ende eine Firma sagt, dass das Spiel nicht erscheinen wird.

  19. Rikibu sagt:

    Und trotzdem bleibe ich dabei.
    Wieso sollte Microsoft ein Interesse daran haben, das ihre Plattform zur Müllverbreitungsanlage wird?

    Gut, MS bekommt so oder so die Lizenzgebühren der Entwickler, demzufolge könnte es MS egal sein wie die Qualität der Software ausfällt.
    Aber wir wissen alle das User Meinungen schnell die Runde machen.
    Da wird schnell verallgemeinert – Xbox = Müllkonsole weil viele verbuggte Spiele zugelassen werden.
    Für mich haben die Publisher und Entwickler eine große Verantwortung der entsprechenden Plattform gegenüber. Sie entscheiden über Erfolg oder Misserfolg – natürlich nicht ausschließlich weil noch das Marketing des Hardware Anbieters einen großen Teil dazu beiträgt. Aber ohne zugkräftige qualitativ hochwertige Software nützt die geilste Hardware nix.
    Das geht schon alles Hand in Hand – natürlich wird man von Seiten der Verantwortlichen immer die Schuld bei jemandem anders suchen, nur nich bei sich.

    Im Fall von Wrestlemania 21 wurde schon eine selten erreichte unterirdische Arbeit abgeliefert. Das schlimme daran, THQ schweigt sich zu den schon nach 10 Minuten auffallenden eklatanten Unzulänglichkeiten aus und lässt den zu Recht angesäuerten Kunden dumm dastehn. Auf Beschwerdemails wird auch nich reagiert.

    Zu dumm das es keine Alternative zu THQs Wrestlingspielen gibt, die insbesondere auf der Xbox – der stärksten Plattform der jetzigen Generation – am bescheidensten rüberkommen.

    Ich hoffe das sich das auf der 360 bessert.
    Aber so recht glauben kann ich das noch nicht. Ich hoffe jedoch das Microsoft mit THQ verhandelt und auf der 360 was ordentliches angeboten wird. Schließlich ist Wrestling in Japan und USA und natürlich auch Europa ein enormes Publikumsmagnet.

    Ooops – da bin ich wohl etwas abgeschweift.

  20. gabrielb sagt:

    Hallo.
    So nett sich das alles anhört, in der Praxis bleibt dennoch oft ein Haufen Mist übrig, der den zahlenden Kunden unglaublich ärgert. Klar kann Microsoft den Herstellern nicht jedes Detail vorschreiben, aber ich finde, Microsoft sollte die Richtlinien dennoch wesentlich strenger festlegen. Denn wenn Spiele mit zahllosen Bugs auf den Markt kommen, dann beschädigt das nicht nur den Ruf des Publishers, sondern auch den der Xbox. Kommen dann noch die vorhandenen Bugs des Unterbaus der neuen Xbox, dann wird man doppelt geärgert.
    Das ist irgendwie ein rein subjektives Gefühl, aber ich habe den Eindruck, dass die Qualitätskontrollen bei Microsoft und auch den Publishern in den letzten zwei Jahren sehr nachgelassen haben, teilweise sogar gar nicht vorhanden sind.

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