Arbeiten in der Spielebranche

Von Boris, Fr, 28. Apr 2006 12:40

Die neue Ausgabe des Magazins “GEE” enthält eine Story zum Thema “Arbeiten in der Spielebranche”. Freundlicherweise hat mich Moses von GEE für diese Story interviewt. Wohl weil ich wieder mal zu viel getippt habe, ist im Heft nur ein Extrakt aus meinen Aussagen zu lesen. Deswegen hier, quasi als Extended Interviewer Cut, die vollständige Version, die ich an die Redaktion geschickt hatte:

Wie ist deine genaue Job-Bezeichnung / Was steht auf Deiner Visitenkarte?

Zur Zeit: Senior Product Manager Xbox Platform and Accessories. Das ändert sich bei mir in der Regel alle zwei Jahre, gerade wär mal wieder ein Wechsel fällig.

Beschreibe kurz den Weg dorthin. (Werdegang inkl. Ausbildung)

Schnelldurchlauf: Nach dem Abitur vier Monate Praktikum dann noch drei Jahre als Redakteur bei den Zeitschriften 64′er, Happy Computer und Power Play. Spieleproduzent bei Rainbow Arts. Deutsche Ein-Mann-Show von Lucasfilm Games. Zivildienst, dabei freiberuflich als Spieleübersetzer. Dann Redakteur und Chefredakteur von PC Player (vier Jahre). Bei Microsoft (jetzt acht Jahre) bisher gewesen: International Portfolio Planner, PR Manager Xbox, Xbox Live Marketing Manager und jetzt wie oben der Product Manager. Ausbildung? Training on the job.

Was genau ist deine Aufgabe? Wie sieht Deine Arbeit konkret aus? Beschreibe einen typischen Arbeitstag.

In einer typischen Arbeitswoche untersuche ich die Verkaufszahlen der Vorwoche, suche nach Trends und Tendenzen, mache eine Vorhersage über die Verkaufszahlen der nächsten Wochen. Ich informiere den Verkauf über neue Produkte. Ich informiere die Kollegen im Marketing über Produkte, erarbeite Strategien und Taktiken und schaue, daß meine Produkte die optimale Werbung und PR bekommen. Ich rede mit den Produkt-Entwicklungsteams über neue Produkte, die demnächst erscheinen werden, mache Vorschläge zu Funktionen, Vermarktung und möglichem Erfolg. Ich checke in Produktion befindliche Verpackungen auf Fehler. Ich erkläre unserem technischen Support oder einem Käufer bestimmte technische Features. Ich telefoniere mit durchschnittlich vierzig verschiedenen Leuten bei anderen Software-Firmen, bei der Presse, bei Marketing-Partnern und wiederum mit Kunden. Ich lese an die tausend EMails die Woche (diverse interne Mailinglisten inklusive), schreibe etwa zweihundert EMails und verfolge nebenbei dreissig verschiedene RSS-Feeds. Und so eine knappe Stunde die Woche spiele ich im Büro auch Spiele. Und gebe ein Interview :-)

Entspricht der Job deinen Vorstellungen?

Es gibt viele lästige Aufgaben, die ich ungern mache – wie in jedem Job. Aber ich möchte mit kaum jemand anderem auf der Welt tauschen.

Wie lange arbeitest Du täglich und wie viel verdienst Du im Monat?

In der Woche komme ich auf etwa 45 Stunden. An manchen Tagen gibt es gute Auszeiten, an anderen Tagen gibt es Termine bis spät in den Abend. In einer Messewoche wie Games Convention sind es eigentlich 80 Stunden Arbeit. Und ich verdiene zwar gut, bin aber auch schon seit Ewigkeiten im Geschäft (Baujahr 1966) und habe mich hart rangearbeitet.

In welchen Situationen liebst Du deinen Job, in welchen hasst Du ihn?

Ich liebe meinen Job, wenn ich einen Kunden/Geschäftspartner/Kollegen zufrieden machen kann. EMails wie “Wow! Danke für die schnelle Antwort!” pinne ich mir an die Wand. Ich hasse meinen Job, wenn ein starrköpfiger Mensch sich nicht überzeugen läßt, mich oder das Produkt oder die Firma beschimpft und eigentlich gar keine Antwort, sondern nur motzen will. Das ist verlorene Lebenszeit für alle Beteiligten.

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Vorraussetzungen für deinen Job.

Das allerwichtigste: Du mußt wie dein Kunde denken können. Bei aller Zahlenspielerei mit Excel, die vordergründig gefragt wird, bleibt die eigentliche Aufgabe: Was will dein Kunde? Will der dieses Produkt haben? Warum will er es nicht haben? Was kannst du ändern, daß er es haben will? Wie kannst du ihm davon erzählen?

Denke an Dich und deine Kollegen, beschreibe kurz was das für Leute sind die da so an/mit Videospielen arbeiten.

Das Schöne an einer so großen Firma ist, daß es einfach alle Typen von Menschen (und Spielern) gibt. Gut, keiner geht mehr zu Schule, alle haben ein gewisses Mindestalter, aber ansonsten gibt es wenig, was es nicht gibt. Es ist auch OK, kein großer Spieler zu sein. Man darf natürlich kein Spiele-Hasser sein, aber einige von uns jagen nach dem großen Gamerscore und die anderen eben nicht.

Würdest Du jungen Menschen empfehlen in der Games-Branche zu arbeiten? Warum / Warum nicht?

Wenn ich gerne Wurst esse, sollte ich dann in einer Metzgerei arbeiten? Nein, und nur weil ich gerne Spiele spiele, bin ich vielleicht kein Mensch für die Spiele-Branche. Egal ob im Marketing oder in der Entwicklung sollte man sich fragen – würde und kann ich einen solchen Job auch machen, wenn es nicht um Spiele, sondern um eine Steuerberatungs-Software geht? Ich bin zu Microsoft gegangen, weil ich eigentlich aus der Spieleindustrie raus wollte. Ich wollte mit Office und Windows grau werden. Dann kam Xbox und ich landete wieder in der Spielebranche – was für ein Glück. Jetzt will ich da erst mal nicht mehr weg, das ist klar. Aber wenn Bill Gates morgen entscheidet, das mit den Konsolen war wohl nix, dann kann ich genauso gut Produktmarketing oder PR für ein anderes Produkt machen. Zurück zur Frage: Du mußt den Job mögen, nicht das Produkt, sonst schaffst du es nicht.

Was wäre der erste und beste Schritt in diese Richtung?

Lernen und ähnliche Jobs in anderen Branchen annehmen. Ein Produktmanager für Turnschuhe kriegt wesentlich eher die nächste freie Stelle bei Xbox als ein toller Videospieler, der wenig Marketing-Kenntnisse mitbringt. Praktika sind eine tolle Sache, aber halte Ausschau nach anderen Produkten und Firmen mit ähnlichem Kundenkreis. Die Jobs in der Branche sind rar, warte nicht auf die Stelle bei der Spielefirma, sammle Erfahrung woanders.

Was ist die typische Reaktion alter Freunde oder Bekannter, wenn man erzählt, man arbeitet bei einer Videospielfirma?

Die müssen mich schon viele Jahre nicht gesehen haben, um nicht zu wissen, daß ich mit Videospielen zu tun hab. Viel spannender war die Reaktion von Bekannten und Freunden, als ich von PC Player zu Microsoft wechselte: “Du gehst zur dunklen Seite der Macht”? war noch ein harmloser Kommentar. Inzwischen ist das Image von Microsoft deutlich besser, aber damals meinten manche, ich würde meine Seele dem Teufel verkaufen.

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