Als ich neulich in einem Interview mal wieder gefragt wurde, was ich denn so unter dem “Digital Entertainment Lifestyle” verstehe, kam ich auf die Idee, mal wieder eine alte Schwarte aus dem Keller zu kramen: Being Digital von Nicholas Negroponte war vor gerade mal elf Jahren, 1995, das “Standardwerk” der populären Literatur, das uns aufzeigen sollte, wo die Welt der Zukunft hingeht. Vom Autor war ich damals so überzeugt, daß ich ihn zusammen mit Gregor Neumann für “Hyper” als Kolumnisten engagierte.
Dieser Führer in die Zukunft liest sich heute, gerade mal eine Dekade später, als trauriger Beweis, daß Zukunftsforschung eher was mit Glücksspiel zu tun hat (oder Negroponte doch keinen Schimmer hatte).
Knapp ein Drittel der Seiten wird auf digitales Fernsehen und HDTV verschwendet, da liegt er auch gar nicht so falsch (auch wenn Timeshifting von ihm total unterschätzt wurde). Oft wird von ihm aber beschworen, daß in der Zukunft Datenbits immer eine Beschreibung ihrer Inhalte mitbringen, um von “Agenten” sortiert werden zu können. Der umgekehrte Fall ist eingetreten: Das Web ist voll von Krempel ohne “Tags” und das beste Geschäftsmodell ist das von Google: Indiziere “dumme” Daten, so daß Kunden sie schnell finden und du relevante Werbung dazu sehen kannst.
Die beiden wichtigsten Trends des digitalen Lebensstils, Musik und Photographie, finden bei ihm kaum und gar nicht statt. In einem Abschnitt über Audiokompression schreibt er sogar darüber, daß die Musikindustrie den Kerl töten würde, der 5000 Stunden Musik auf eine CD packt - aber das man 5000 Stunden Musik bequem in ein Gerät packen wird, das nicht mal die Jackentasche ausbeult, lief völlig an ihm vorbei.
Das Internet war 1995 noch jung und Negroponte sieht E-Mail als die Killerapplikation. Und obwohl er seitenlang über Bandbreiten und Multimedia redet, gibt es keine Idee zu P2P, persönlichen Webseiten oder gar Blogs, Austausch von Fotos oder Instant Messaging.
Weitere Fehleinschätzungen: Die Armbanduhr wird unser Termin- und Kontaktassistent (wurde erfolgreich durch das Handy verdrängt), Spracherkennung wird das Eingabemedium der Zukunft, Haushaltsgeräte wie Toaster, Staubsauger und Kühlschrank werden miteinander kommunizieren und, weil’s so schön ist, im Original:
PC-based games will overtake dedicated game systems as we know them today. The only place where special-purpose hardware may play a near-term role is in virtual reality.
Nur gut, das Nintendo, Sony, Sega und Microsoft nicht auf Nicholas gehört haben.


Hej das wäre doch mal toll wenn mir mein Toaster sagen könnte welches Wetter wir heute haben werden, und mein Kühlschrank mir die Zeitung vorliest.
Im Ernst mal, sowas ist doch schon im kommen. Die Leutchen aus dem Asiatischen Raum sind darin doch mal wieder vorreiter bei solchen Themen. Aber toll fände ich es schon, wenn ich mit meinem PC unterhallten könnte, und ER so intelligent wäre mit mir eine richtige Diskussion zu führen.
Wer braucht denn noch reale Freunde? Im WWW gibt es genug davon, und XBL ist nur ein kleiner Schritt in diese Richtung. Vielleicht hätte der Autor M$ damals mal fragen sollen, was die an Zukunftsvisionen so planen. Bekantlich funktioniert ja alles was deren Köpfe so entwerfen…
>PC-based games will overtake dedicated game systems
Soooo unrecht hatte er ja gar nicht, er hat es nur etwas wage formuliert, wie das alle Leute tun die etwas vorhersagen. Die Xbox 360 ist nichts anderers als ein auf gaming optimierter PC. Die PS3 ist sowieso ein High-End-Computer der auf Home-Entertainment ausgelegt ist. Jediglich dem Wii würd ich den Ttitel als Spielkonsole anerkennen, eben weil er auf den ganzen Multimedia “Schnick-Schnack” verzichtet.
>daß die Musikindustrie den Kerl töten würde, der 5000 Stunden Musik auf eine CD packt
Hat er ja auch recht behalten……letzendlich versucht die Musikindustrie diese Leute ja auch festzunagel und aus dem verkehr zu ziehn;-).
Da die Prognosen nun schon 10 Jahre alt sind, würd ich sagen, ihm sei es verziehn…..
Krass, dass ausgerechnet Dir UPnP anscheinend nichts sagt. Oder hat das jetzt nur nicht zum Tenor des Beitrags gepasst? Ansonsten ein interessanter Vergleich zwischen Zukunftsspekulationen und Status Quo.
Wenn ich es noch erleben sollte, das mich mein Toaster fragt, ob ich einen guten Morgen habe, dann sind wir auch so weit, das Netzhautscanner an jeder Strassenecke stehen, wir in einem Sicherheitsstaat leben und ein steriles, langweiliges und emotionsloses Leben führen. Wasser aus deb Meeren filtern müssen, nicht mehr nach draussen können und unter einer Glaskuppel leben.
Denn bis Maschinen die von NS6 angesprochenen Diskussionen mit einem führen können fließt noch viel Wasser die Flüsse entlang…
Und wenn es dann so ist, ist sicherlich auch alles vernetzt… Willkommen bei der privaten Peepshow: Wir gucken Person XY zu was sie den tag über macht
9.20 Wecker ausgestellt
9.31 Bettsensoren zeigen Normalität
9.32 Fußbodensensoren, Schlafzimmer Druck auf A5. Z6, B2….
Paranoid, infantil und überheblich wie wir MEnschen sind, werden wir keine all zu rosige Zukunft erwarten können… naja, das gehört hier aber nicht hin
Digital Entertaiment wird sicherlich eine große Rolle spielen… http://www.methodstudios.com/mox251
Multimedia und die Daten-Armbanduhr waren in den 90er-Jahren gerade modern. Mit den Spielsystemen hat er aber gar nicht so unrecht. Die Spielkonsolen sind heute schon fast vollwertige PCs. Und besonders für Xbox und Xbox 360 gibt es mehr Spiele aus den Computerspiel-Genres, als die typischen Videospiele der 80er- und 90er-Jahre.
Damals war die Welt (noch) in Ordnung….
Ich ärger mich heute noch über die Prospekt-schreiber vieler Diskontläden in Deutschland und Österreich, die wollen ja nur noch das Geld der Kunden und wenn mal ein Gerät kaputt geht wissen die von nichts..
Lustiges Buch gibs das auf deutsch??
Hoffentlich bleiben wir von den sprechenden und messenden Toiletten der Japaner verschont…. Ich hör´s schon: “Ihr Durchfall ist gar nicht gesund… soll ich ihnen ein Zäpfchen einschießen….?
Was Negroponte (und andere) damals vollkommen unterschätzt haben ist das (bei genauerer Betrachtung absehbare) rasante Wachstum der Speicherkapazitäten auf immer kleinerem Raum. Eine CD war damals das Non-plus-ultra an “portablem” Speicher, eine 4GB Festplatte im Format des iPod MINI oder gar die SolidState Technologie im NANO (auch mit 4GB) wurde nicht als realistisch eingeschätzt.
Gerade Anwendungen wie “Foto” oder “Musik” beruhen aber darauf, dass hinreichend Speicher zur Verfügung steht und wurden wohl deshalb aussen vor gelassen — abgesehen von der Armbanduhr, aber die sollte ja auch nur Termine und Kontakte speichern, beides Applikationen mit verschwindend geringem Datenaufkommen gegenüber Foto, Musik oder gar Video.
Ich find’s ja schon faszinierend genug, dass heute anscheinend jedes Mobiltelefon mit einer Kamera dahergelaufen kommt. Ich habe (noch) ein NOKIA 3650 — vor exakt drei Jahren gekauft — und das war damals eins der ersten mit Kamera und ich hätte mir vor drei Jahren niemals träumen lassen, dass die Kamera im Handy sich zum Standard entwickeln würde (ich hab’s mir damals übrigens wegen der Bluetooth Schnittstelle gekauft und nicht wegen der Kamera — deren Sinn kann ich immer noch nicht erkennen aber ich bin auch schon was älter ;).
Von heute aus betrachtet war E-Mail auch die “Killerapplikation”. Das Negroponte die Idee von “persönlichen Websites” oder gar “Blogs” nicht erwähnt liegt wahrscheinlich daran, dass die Unterstützung dieses Prozesses durch geeignete Werkzeuge nicht wirklich voraussehbar war. Betrachte das mal genauer: wo wären wir heute ohne WordPress & Co.? HTML per Hand kodieren ist nicht wirklich für jedermann greifbar, ohne die massive Entwicklung und freie Verfügbarkeit von geeigneten Werkzeugen hätte sich das ganze “Personal Publishing” recht schnell erledigt.
Ich will Herrn Negroponte hier beileibe nicht verteidigen, aber wenn man von heute zurück blickt, dann weiss man immer alles besser :). “In die Zukunft sehen” ist halt eine ungenaue Sache und hat mit “Wissenschaft” herzlich wenig zu tun … und das mit dem Toaster und dem Kühlschrank: wurde JAVA nicht genau dafür gebaut?
Ich persönlich blicke mittlerweile auf 20 Jahre Erfahrung in der IT zurück und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, welche Sau denn nächstes Jahr durch’s Dorf getrieben wird. Ist vielleicht auch besser so, das erhält die Spannung
@Christian, ich wage einfach mal eine Prognose á la Negroponte:
In den nächsten Jahren Werden Energiespar-Computer in den Haushalten installiert. Zunächst bekommt die Heizung eine Heizautomatik, Temperatur halten, Nachts senken, für jeden Raum individuell, @Work-Modus. Dann werden nach und nach sämtliche Haushaltsgeräte und Steckdosen in das System eingebunden. Trockner und Spülmaschine schalten sich ein, sobald der Strom günstig wird, der Stromkreislauf für TV, PC und 360 wird unterbrochen, sobald sie in den Standby-Modus gehen. Das vollständige Energiesystem eines Haushaltes wird schließlich für den Tagesablauf der Bewohner automatisch optimiert. Der Jahresverbrauch wird jederzeit hochgerechnet, auf Wunsch schlägt das System weitere Einsparmaßnahmen vor. Die Bedienung wird so einfach und selbstverständlich wie die einer Alarmanlage.
Ich kann nur sagen, freue mich heute noch, dass ich nichts von dem Mann gekauft habe. Er ist unterhaltsam, dennoch weiß ich aus Erfahrung, dass die Zukunft praktisch nicht über einen gewissen “linearen Horizont” vorhersagbar ist. Kurzfristig würde ich sagen, es sind etwa 6 Monate vorhersehbar, darüber hinaus kaum…
Da Problem mit Zukunftsbüchern etc. ist der Fokus, der sich dramatisch durch eine kleine Erfindung ändern kann: z.B. iPod. So sehr ich auch mit MP3 nichts anfangen kann, so sehr hat es die Landschaft verändert.
Interessante Prognose. Könnte sogar stimmen. Voraussetzung: die Energiekosten verteuern sich in den nächsten Jahren signifikant. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da kostete der Sprit dasselbe wie heute, nur war damals noch die D-Mark am Start. Und wir haben immer noch nicht den Punkt erreicht, an denen die Preise hinreichend Bauchschmerzen erzeugen um ein bewusstes Überdenken der Situation zu erzwingen.
Schaut man sich das Verhältnis von Ölpreis pro Barrel zu Preis pro Liter Benzin an, ist von den Energieunternehmen her genügend Spielraum vorhanden, um beim Erreichen der “kritischen Marke” (wo der Ertrag aufgrund des sinkenden Absatzes sinkt) genügend Puffer vorhanden um die Preise an der Zapfsäule trotz steigendem Preis pro Barrel stabil zu halten — und trotzdem noch Gewinn zu machen. Die Rekordgewinne des letzten Jahres kommen auf jeden Fall nicht daher weil die Relation gehalten wurde.
Ich glaube, dass der finanzielle Anreiz, die von Dir erwähnten Verbesserungen am Endverbraucher vorzunehmen, zu gering ist im Verhältnis zur (staatlich subventionierten!) Erschliessung neuer Energiequellen. Schau Dir an, wieviel Steuergeld aufgewandt wird um alternative Energiequellen zu fördern gegenüber aktiven Maßnahmen in der Energiesparung.
In der Wirtschaft funktioniert vieles nach dem Prinzip “Follow the money”. Solange das Geld auf die Seite “Wie produzieren wir mehr Energie” (durchaus auch umweltfreundlicher) geschmissen wird ansttat in “Wie verbrauchen wir weniger Energie” sehe ich da wenig Hoffnungen.
Naja. Ich trag mir mal die URL hier in meinen Terminkalender für 2016 ein und dann schau’n mer mal. Momentan erscheint mir die Prognose “Deutschland wird Fußball Weltmeister 2006″ wahrscheinlicher
@Christian, leider versteifen sich unsere Politiker zu sehr auf eine Lösung. Anstatt neue Möglichkeiten zu finden, wird eine Lösung gebogen bis es knackt. Dann wird teurer Sekundenkleber gekauft und die reparierte Bruchstelle verstärkt, so dass es beim weiteren Biegen woanders knackt. Somit entstehen immer mehr Sollbruchstellen in unserem System.
Deutschland wird Weltmeister 2006!
Zweifelt jemand daran, dass Deutschland Weltmeister wird?