Und meine späte Oscar-Kritik

Von Boris, Di, 20. Mrz 2007 15:22

Zwei meiner Lieblingsfilme aus 2006 haben unverdienterweise keinen Oscar gekriegt. Das prangere ich an!

Wer Children of Men noch nicht gesehen hat, darf sich schon mal auf den DVD-Release freuen, wobei das Kino der eigentliche Platz für diese Tour de Force der Kameratechnik ist. OK, vielleicht kann man den Oscar für besten Schnitt tatsächlich nicht an den Film geben, der in zwei extrem langen Sequenzen völlig ohne sichtbaren Schnitt auskommt, sondern in einer einzigen Einstellung gedreht worden zu sein scheint. Aber Departed? Come on! Und daß der Kamera-Oscar an Pan’s Labyrinth ging, kann nur ein abgekartetes Spiel gewesen sein.

Tatsächlich sieht es so aus, als ob die Special Edition kein Special zu den beiden unglaublichen Schlüsselszenen enthält. OK, ein guter Zauberer verrät seine Tricks nicht. Aber mich hätte schon interessiert, wie man zehn Minuten Bürgerkrieg mit hunderten Statisten und einem unglaublich akrobatischen Kameramann choreographiert. Die eindrucksvollste Sequenz (nicht nur technisch) der letzten zehn Jahre. Und ein guter Film noch dazu.

Und wo wir beim Thema Zauberer sind – The Prestige ist theoretisch mein Lieblingsfilm 2006 (lief in Deutschland aber erst 2007 an und hab ich im Januar gesehen). Das Duell der Zauberer um die Jahrhundertwende ist ein superintelligenter Film, den man gesehen haben muß. Manche Kritiker beschwerten sich, der “Plot Twist” sei zu einfach zu erraten, aber gerade das ist der Sinn der Sache. Denn das letzte Drittel des Films macht viel mehr Grauen, wenn man das “Geheimnis” kennt und die Dialoge und Handlungen aus dem Licht interpretiert, zu welchen Opfern Borden und insbesondere Angier bereit sind – eigentlich aus völlig sinnlosen Motiven.

Nominierungen gab es für Kamera (OK) und Art Direction und den hätte ich dem Prestige durchaus gegönnt, denn das glaubhafte Ambiente des Films hatte mich vollends gefesselt hat. 10 Bonuspunkte für David Bowie übrigens.

Daß Michael Caine in beiden Filmen einfach  exzellent spielt, ist ein netter Zufall. Der Mann wird auch mit zunehmendem Alter immer besser.

14 Antworten für “Und meine späte Oscar-Kritik”

  1. cyrax sagt:

    hoppla, da haben wir wohl denselben filmgeschmack.

    children of men ist ein absolut unterschätzes meisterwerk, welches wohl erst in ein paar jahren die entsprechende anerkennung bekommen wird (blade runner).

    the prestige gehört auch zu meinen diesjährigen lieblingsfilmen, trotzdem fand ich den twist bez. christian bale zu vorhersehbar (und das war nicht beabsichtigt, wie man an der ellenlangen erklärung gegen ende sehen konnte).

    beide filme hätten jedenfalls den oscar als bester film verdient, im gegensatz zur (im wahrsten sinne des wortes) verfuckten version von internal affairs aka. the departed.

  2. Phil sagt:

    zu Children of Men gibt es eine UK-DVD, mit deutscher Tonspur. Da ist zumindest ein Making of von der Autoszene im Wald mit drauf, glaube aber auch, dass es zum Bürgerkrieg ein paar Blicke hinter die Kulissen gibt.

  3. Noctem sagt:

    Children of Men fand ich auch überragend.
    Ich frage mich jedoch, warum der Film in DE erst im April erscheint, während man ihn in UK schon seit Januar kaufen kann, mit einer deutschen Tonspur wohlgemerkt!

  4. DarkVamp sagt:

    Wenn Dir schon “The Prestige” gefallen hat dann schau Dir unbedingt auch “The Illusionist” => Den fand ich wesentlich besser :-)

  5. Duncan_Idaho sagt:

    Werd ich mir wohl doch CoM ansehen müssen….. hatte bisher nicht die Gelegenheit. The Prestige ist auch bei mir die Nummer 1 in 2006.

    Bowie war auch mal wieder göttlich…. einer der wenigen guten Musiker/Schauspieler.

  6. Kallimeran sagt:

    Schließe mich deiner Meinung zum Film The Prestige an – ein sehr gelungener, stimmungsvoller Film, den man gesehen haben muss! War einer der letzten guten Filme, den ich im Kino zu sehen bekam.

  7. Moensta sagt:

    die oscars können mir langsam auch gestohlen bleiben!!!!
    CoM nicht den kamera-oscar :-( ich lach mich tod
    die bürgerkriegsszene ist sowas von hammermässig gemacht
    das es selbst als short-film den oscar verdient hätte!!!
    naja wat solls……
    und von The Prestige hab ich trailer gesehen die lust auf mehr gemacht haben aber ich habs wohl verplant das er schon angelaufen ist!!!!
    shame on me……….und ab ins kino ;-)
    danke bsj

  8. scarface sagt:

    verdammt, wieso habe ich von prestige noch gar nichts gehört? der trailer sieht auf jeden fall sehr sehr gut aus. was aber warscheinlich mein film 2007 wird, ist “300″. Sehr gut gemachter Film und tollen Figuren. Genau nach meinem Geschmack.

  9. Wodkaredbubu sagt:

    “beide filme hätten jedenfalls den oscar als bester film verdient, im gegensatz zur (im wahrsten sinne des wortes) verfuckten version von internal affairs aka. the departed.”

    Remake hin oder her, Departed ist für mich ein toller Film, alleine schon wegen Jack Nicholson, nicht zu vergessen die restliche exzellent agierende Schauspielerriege. Und obwohl er meiner Meinung nach nicht Scorseses Bester Film ist, verdammt es wurde einfach mal Zeit das er den Goldjungen bekommt.

  10. bigben sagt:

    Seit wann gewinnen denn wirklich die besten Filme eines Jahres den Oscar?

    Zu den Effekten von Children of Men gibt es übrigens einen ausführlichen Artikel bei vfxworld.com (Zwangsregistrierung kann man bei http://www.bugmenot.com umgehen).
    http://www.vfxworld.com/?atype=articles&id=3127&page=1

  11. bangbingbang sagt:

    Also ich hatte schon viel gebraucht um mir mal den Film: Prestige anzuschauen, völlig zu unrecht, er war wirklich toll… auch wenn s ein so ziemlich vorhersehbares Ende hatte.

    Was mir an Prestige vor allem gefallen hat, war, dass der Regisseur sich getraut hatte zu zeigen, wie Thomas Edisons Team, Teslas Haus vernichtete…
    (Ich hoffe, ihr versteht, dass das 2 wirklich wichtige Personen des 19 Jh. waren, Tesla für mich persönlich neben Einstein eins der grössten Genies)

    Tesla war das eigentliche Genie, doch Edison bekam den ganzen Ruhm (da Edison Amerikaner war) und die Amis loben ihn immer noch, obwohl Tesla die ganze Arbeit verrichtete…

    -> Desswegen Danke an den Regisseur, dass er dies wirklich umgesetzt hat, da dies sehr auf Kritik hätte stossen können seitens der amerik. Gesellschaft

  12. karaokefreak sagt:

    Tia, wie das mit Geschmäckern so ist. Technisch fand ich “Children of Men” wirklich beeindruckend. Tolle Kamera, sehr gute Sets, überzeugende Gesamtstimmung.

    Insgesamt fand ich den Film jedoch nicht übermäßig gut, vor allem was die Story angeht.Ist schon ein fesselnder Film und nagelt einen auch an den Sitz, aber spätestens beim zweiten Mal sehn fallen einem dann doch einige Ungereimtheiten auf.

    Scheint mir einfach unlogisch, dass ein Staat bei schwindender Jugend und somit abbauender Arbeitskraft, wirtschaftlichen und steuerlichen Defiziten, sowie einem Bemühen, fruchtbare Frauen zu finden, faschistische Politik betreibt und sich somit eine Lösung des Problems durch verblendete Politik verbaut.
    Klar, das Szenario ist erschreckend und regt auch zum nachdenken an, aber mir fehlt bei Children of Men einfach die verdichtete Aussage, die man normalerweise nach etwa zwei Dritteln eines Films verstanden hat. Der Film hinterlässt mehr Fragen als Antworten, was an sich nichts schlimmes ist, nur kommt man bei den Ungereimtheiten der Story leider auch nicht selber drauf ^^

    ((ACHTUNG SPOILER NICHT WEITERLESEN…))

    Zudem hat es sich Cuaron, der nicht nur Regie führte, sondern auch Co-Drehbuchautor war, bei mir verdorben, in dem er Julian (gespielt von der zauberhaften Julianne Moore) im Grunde als Heldin einführt und nach gut 10 Minuten einfach abknallen lässt. Das verwirrt nicht nur den Zuschauer, auch der cineastische Sinn ist nicht ersichtlich (es sei denn er wollte nichts anderes als den Zuschauer verwirren, was er ja gut geschafft hat)

    Tia ja… Geschmäcker sind halt verschieden

  13. Wataru2001 sagt:

    Children of Men hat mich so bewegt, dass ich geheult habe wie ein Schlosshund. Der Film geht zu Ende, der Nachspann ist durch, das Licht geht an…

    …und trotzdem weiß man einfach nicht, wie man weitermachen soll. Definitiv war das KEIN Film für einen Samstagabend mit Kumpels.

    Bei Prestige habe ich die gleiche Einstellung gehabt. Der Film lebt von diesem Spannungs”knick”, wie ihn manche Leute bezeichnet haben.

    Leider hat mir, trotz grosser Vorfreude, Pans Labyrinth gar nicht gefallen. Die Story war unbefriedigend und lebte lediglich von den ausschweifenden Gewaltszenen. Die Fantasy-Elemente wirkten wie eine Kopie von Alice im Wunderland. Ich habe während des gesamten Films auf einen großen, weißen Hasen gewartet, der “Keine Zeit… Ich habe keine Zeit…” ruft…

  14. yboy sagt:

    Ich habe nun auch endlich Children of Men gesehen. Zwar nicht im Kino, aber dafür auf meinem Beamer ;-)

    Ich fand den Film trotz einiger Ungereimtheiten klasse!!
    Aber hey, wer braucht in 30 Jahren noch Frauen zum Kinderkriegen? Wenn das Niveau unserer Kultur weiter so sinkt, wird die Menschheit auf der evolutionären Stufe sein, der ihr wieder Zellteilung ermöglicht, hehe! ;-)

    Aber egal, der Film ist wirklich atmosphärisch einfach eine Wucht. Wie bei Bladerunner baut die Zukunft logisch auf alten Teilen der Vergangenheit auf. Die Darstellung der Technik und der Umgebung ist auf jeden Fall sehr überzeugend – nicht übertrieben aber doch weit genug voraus gedacht und vor allem glaubhaft.

    Manchmal mußte ich sogar (entfernt) ein wenig an Half Life² denken. :-)

    Richtig klasse finde ich, dass der Film mit der Figur die Clive Owen verkörpert endlich mal nicht so klischeehaftes Action- und Heldengeflocke widerkäuert, sondern fast einen Antihelden schafft, der in Flip-Flops die Welt in Form einer Schwangeren retten will. Dabei kein einziges mal dumm mit einer Waffe rumfuchtelt und nur versucht irgendwie heil aus dem Desaster zu entkommen.
    (ich glaube er wird nur einmal gewalttätig, als er diesem Syd die Autobatterie in die Zähne drückt)

    Auch seine Weggefährten sind angenehm anders. Diese Miriam (hiess die so? Ich meine die Hebamme) ist auch keine durchgestylte Quotennymphe, naja und Julian Moore – will nicht spoilern aber auch das fand ich wie bei Hitchcock: fast wie der rote Hering eben. ich habe da eine andere, typischere Storyentwicklung und somit Charakterensemble erwartet.

    Also insgesamt angenehm untypisch und somit erfrischend für einen Film des Endzeit-Genres.

    Ok, dass die Zukunft ganz krass faschistoid rüberkommt ist mir in dieser Stufe doch etwas zu sehr übertrieben – aber wenigstens konsequent und somit wieder stimmig.

    Die Hand-Kamera ist so unmittelbar und dokumentarisch – es zieht einem manchmal mehr ins Geschehen mit rein, als einem lieb ist.

    Naja, was rede ich: ein wirklich toller Film eben, würde mir mehr Filme dieser Art wünschen, die die Action- und Figurenklischees aufbrechen.
    ——————–

    Zu Departed:

    Ich liebe Scorsese, aber irgendwie interessiert mich dieser Film gefühlsmäßig nicht. Ich mag Jack Nicholson einfach nicht mehr. Immer dasselbe, was er da abzieht. Klar, dass macht er schon toll, aber ich kann es nicht mehr sehen, dass fast jeder Film mit ihm zu einer Egoshow für ihn verkommt.

    Trotzdem: Scorsese hat einfach endlich mal den Oscar verdient! Allein für Taxi-Driver!
    ———–

    Und zuguterletzt zum Oscar:
    es ist halt eine Auszeichnung. Na und? Wer sowas braucht, ok.
    Aber ernst nehm ich diese Auszeichnung nicht. Ein guter Film ist auch ohne Oskar gut. Mir reicht da mein eigenes bescheidenes Urteilsvermögen ;-)

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