Geschieht Euch doch Recht!

Von Boris Schneider-Johne, Do, 29. Jul 2004 23:20

Na sowas: Da importiert ein Händler eine strafrechtlich relevante Ware. Einige Monate später merkt es ein Staatsanwalt und läßt durch die Polizei den illegalen Kram abholen. Und dann wird doch tatsächlich darüber gemeckert, daß niemand dem Händler den Schaden ersetzt. Liebe Leute, wenn die entsprechenden Gremien in Deutschland dem Spiel Manhunt noch nicht mal einen “Ab 18″ Sticker geben wollen, ist es doch völlig klar, daß hier der Paragraph 131 zuschlägt. Dann zu weinen, weil das Geld weg ist, fällt mindestens unter eins der beiden Ds: Dreist / Dumm. Freut Euch lieber, denn eine Freiheitsstrafe wäre hier auch drin.

In diesem Zusammenhang stelle ich zwei weitere Dinge klar. Erstens: Manhunt ist ein menschenverachtendes Spiel. Und dabei verwende ich das Wort Spiel nur im weitesten Sinne. Jeder Designer, der es tatsächlich für eine tolle Idee hält, den Spieler ständig zu immer härteren Greueltaten aufzufordern, gehört für ein paar Tage erst in einen Ethik-Kurs und dann als Helfer in die Sozialarbeit mit schwer erziehbaren Jugendlichen.

Zweitens: Ein weiterer Grund, warum ich nicht mehr für Spielezeitschriften arbeiten mag, sind die (zugegebenermaßen in deutlicher Minderheit befindlichen) Minderjährigen, die großkotzig von Zensur reden, weil man ihnen den Spaß am Gemetzel einschränken will. Kinder, draußen scheint endlich mal wieder die Sonne. Geht mal an die frische Luft. Andererseits, wenn ihr drinnen vor euren raubkopierten Killergames sitzen bleibt, ist es draußen sicherer für die anderen 99,9998% der Menschheit. Und wenn Ihr Zensur spüren wollt, versucht mal in diversen Ländern einen Witz über die Regierung zu reißen oder eine andere Meinung zur Menschenrechtsfrage zu haben.

Übertreibt die britische Boulevard-Presse? Vielleicht, aber wer Manhunt mal gesehen (insbesondere gehört) hat ahnt, daß diese Schlagzeile nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Und an den Kollegen Austinat gerichtet: 131 greift auch bei Buch, Film und allen anderen Medien. Wird seltenst angewendet, kommt aber vor. Aktueller Stand: 241 beschlagnahmte Titel. Und was ein typischer Konsument so schreibt, läßt mich dann doch schaudern.

5 Antworten für “Geschieht Euch doch Recht!”

  1. Roland sagt:

    O.k.: Dass manche Spiele moralisch fragwürdig sind, bestreite ich nicht. Ich würde meine potenziellen Kids auch nicht alles spielen/sehen/lesen lassen. Vielleicht sollte ich mir mal bei EBX ein gebrauchtes “Manhunt” besorgen, um das richtig beurteilen zu können. Bislang hab ich es weder gesehen noch gehört, Zeitschriftenartikel waren alles. Die verglichen es mit “Running Man”. Oder dem deutschen Film mit Didi Hallervorden als Killer, dessen Name mir gerade entfallen ist.

    So klar war der Staatsanwalt eigentlich nicht – die letzten zehn Jahre ist das doch nicht mehr passiert. Worüber ein PR-Kollege und ein paar Redakteure neulich diskutierten: Darf ein Händler indizierte Spiele unter der Theke haben und verkaufen? Wir: Ja, Kollege: Nein, wir müssen ja alle Spiele retour nehmen. Das doch wohl eher, weil die Theken nicht so groß sind?

    Ein typischer Konsument? Zitat: “Hierbei handelt es sich um einen schlechteren Film dieses Genres, den ich einzig und allein aufgrund der Beschlagnahme gekauft habe.” Also, DER Typ ist sicher kein typischer.

    131 macht die “Ware” allerdings begehrter, soviel steht fest.

  2. Schlunz sagt:

    Spannende Diskussion hier; kenne mich mit Spielen und Presse nicht professionell aus, aber mit Straf- und sonstigem Recht. Dazu fällt mir ein:

    “Nur” indizierte Spiele dürfen natürlich vorgehalten und an Erwachsene verkauft werden. Aber indizierte Spiele sind ja noch lange nicht solche, die unter § 131 StGB fallen!

    WENN aber ein Spiel, Film etc. unter § 131 StGB fällt, dann ist die Beschlagnahme fällig, und zwar regelmäßig. Daß diese nur selten erfolgt (ist), liegt einerseits vielleicht an der noch fehlenden Sensibilität der durchschnittlichen Staatsanwaltschaften für Strafbarkeiten im Spielebereich, eventuell auch am Willen, Jugendliche nicht unnötig zu kriminalisieren, jedenfalls aber auch an der Problematik des § 131: Er enthält sehr viele “normative” Tatbestandselemente, die also erst durch eine Bewertung (des Staatsanwalts bzw. der Gerichte) mit Inhalt gefüllt werden müssen, die man also nicht absolut sicher als im konkreten Fall gegeben oder nicht gegeben erkennen kann: “unmenschlich”, “verherrlichen”, etc. Das macht jede Beschlagnahme, gerade größerer Warenkontingente, zu einem (schadensersatz-)rechtlichen Risiko im Fall, daß ein Gericht später die Definition anders sieht.

    Im übrigen kann der Händler, dessen Spiele beschlagnahmt wurden, theoretisch – wenn er absolut keine Kenntnis von der Gewaltverherrlichung hatte und haben konnte (!) – seinen Kaufvertrag anfechten und vom Verkäufer seine Kohle wiederbekommen. Problematik des “Rechtsmangels”: Das Spiel funktioniert, aber der Staatsanwalt macht Rechte daran geltend. Faktisch bekommt der Händler trotzdem nichts, weil der englische Hersteller sagt, das Ding funktioniert ja überall und in jeder Hinsicht – außer in Deutschland. Und die deutsche “ab 18″-Problematik bzw. Verbotsproblematik ist in der Branche wohl so bekannt, daß aber auch jeder Hersteller für den deutschen Markt AGB-Klauseln haben dürfte, die das Problem auf den Käufer abwälzen.

  3. Danke für die klasse Kommentare.

    Der “Killer Film mit Hallervorden” ist natürlich das Millionenspiel. (http://www.imdb.com/title/tt0066079/). Und das hat, genauso wie “Running Man”, eine andere Handlung als Manhunt:

    Millionenspiel: Protagonist muss Killern entkommen. Gibt dabei die eine oder andere Notwehr-Situation.

    Manhunt: Protagonist muss zwar auch entkommen, wird aber ständig aufgefordert, dabei auch noch möglichst brutal andere Leute umzubringen. Selbst wenn man sich davonschleichen könnte, wird man vom “Moderator” unter Druck gesetzt, die Gegner aufzuschlitzen.

  4. gabrielb sagt:

    Was dieser Mensch da auf Ciao.de schreibt, ist schon etwas gruselig. Diese Versessenheit auf verbotene Filme wird bei solchen Leuten durch ein Verbot sicher noch gesteigert. Wenn ich mir die Liste dieser Filme so ansehe, kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Zwei oder drei dieser Machwerke habe ich in den vergangenen Jahren auch wieder gesehen. Filme wie Tanz der Teufel sind heute eigentlich mehr als Lachnummer, als nostalgischer Trash anzusehen. Dass diese Filme noch heute verboten sind, halte ich für übertrieben. Aber wahrscheinlich wird sich kein Offizieller mehr um eine Aufhebung des Verbotes oder eine Neuprüfung kümmern. Warum auch. Es gibt ja keinen Grund. Und wer weiß, vielleicht sind die Hersteller auch froh, denn freiwillig würde sich diesen Schund heutzutage wohl kaum jemand kaufen und ein Verkauf “unter der Hand” sorgt eventuell auch für ein paar mehr abgesetzte Kassetten.
    Was solche Filme allerdings bei Kindern und Jugendlichen anrichten können, habe ich selber erfahren müssen.
    Mitte der Achtziger habe ich mit 14 oder 15 Jahren Tanz der Teufel, Maneater und noch anderen Schund gesehen. Es war ja so schön unerlaubt. Besonders die erstgenannten Filme haben dafür gesorgt, dass ich monatelang bei meinen Eltern im Bett untergekrochen bin und Albträume hatte.
    Solche Dinge und auch thematisch verwandte Spiele gehören auf keinen Fall in die Hände von Kindern und Jugendlichen. Und wohl auch nicht in die Hände von vielen jungen Erwachsenen, aber das ist ein anderes Thema.

    Jetzt habe ich diesen Text geschrieben und sehe, dass mein Kommentar fast ein Jahr zu spät kommt. Egal, nun wird er gepostet.

  5. Falcon030 sagt:

    Ich gebs ja zu – auch ich bin hier wohl etwas spät dran, will aber doch wenigstens noch kurz was zu gabrielb sagen.
    Ich seh eigentlich genau das Problem darin, dass offensichtlich alle Hemmschwellen (natürlich nicht nur die bezüglich der Gewaltdarstellung) in fröhlichem Sturzflug sind. Es ist ja tatsächlich so, dass das, was Mitte der Achtziger noch ein Aufreger war (an den Rummel um Tanz der Teufel erinner ich mich noch recht gut) heute schon fast unter der Rubrik “ach wie niedlich” läuft.
    Ich fürchte, dass Manhunt in 10 – 15 Jahren genauso behandelt wird (“…wie konnte man sich da bloß drüber aufregen?”,”…sowas hat man damals unter realistisch verstanden?”,”…soo brutal ist das doch gar nicht”). Und schon sind wir wieder eine Stufe tiefer gerutscht – das gilt natürlich nicht nur, aber eben besonders für die Debatte um die Darstellung von Gewalt in Spielen.
    Dummerweise greifen, was die Absenkung von Hemmschwellen angeht, hier alle Medien Hand in Hand – Fernsehen, Presse und natürlich auch die Computerspielebranche.
    Mir wird da als Vater manchmal ganz schön mulmig und ich frage mich, wieweit ich mein Kind vor so etwas überhaupt noch schützen kann.
    Das Einzige, was mir da einfällt, ist zumindest in meinem privaten Bereich dem Ganzen entgegenzuwirken und mich mit der Sache konstant auseinanderzusetzen, um mich darüber auch mit meiner Tochter auseinander setzen zu können.
    Aber ob das reicht ?

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