Category: Aufreger

Die Spionage-Story (die keine ist)

Von Boris, Mi, 3. Nov 2010 17:43

Im Rahmen der “Mit Sensationen holt man Klicks (holt man Adimpressions und damit Geld)” Stimmung bei Spielewebseiten geht heute mal wieder eine völlig blödsinnige Story durch das Netz. Da wird munter behauptet, Microsoft würde wohl in Zukunft Kinect-Spieler ausspionieren – so wie Microsoft das ja auch auf dem PC tut.

Der ganze Artikel ist ausgemachter Schwachsinn, weil jemand wohl absichtlich Microsoft ans Bein pinkeln will. Dies beginnt mit der Aussage, daß Microsoft PC Benutzer ausspionieren würde. Der Autor scheint sowas mal in den Neunziger Jahren unbewiesen gelesen zu haben. Ich kann jedenfalls keine seriösen Berichte finden, das Microsoft Benutzer ausspionieren würde. Beweise (und keine Verschwörungstheorien) bitte in die Kommentare, danke. Ich kenne durch meine häufigen Unterweisungen durch die Datenschutzbeauftragten bei Microsoft die Richtlinien der Firma mehr als genug. Da wird nicht spioniert, die Firma ist geradezu panisch, nicht ein “Datum” zu viel zu sammeln. Als Beispiel: Selbst wenn ich nur eine Bestellung für Werbekugelschreiber aufgebe, muß ich persönlich bestätigen, daß damit keine Benutzerdaten gesammelt werden. Und daß der Hersteller des Werbekugelschreibers keine Benutzerdaten sammeln wird, die irgendwie mit Microsoft-Daten verknüpft werden könnten. Microsoft ist da sehr kleinlich, geradezu übervorsichtig.

Aber was steht denn eigentlich in den “Terms of Use” mit denen Microsoft sich angeblich Spionagerechte rausnimmt? Da heißt es am Anfang des Absatz 9:

Um den Service zu betreiben und anzubieten, erheben wir bestimmte Informationen über Sie. Wir nutzen und schützen diese Informationen, wie in der Microsoft Online Datenschutzerklärung beschrieben (http://go.microsoft.com/fwlink/?LinkId=81184). Wir können uns zu bestimmten Informationen einschließlich Ihres Kontos und der Inhalte Ihrer Kommunikationen Zugang verschaffen und diese preisgeben, um das Gesetz einzuhalten oder einer Aufforderung in einem rechtlichen Verfahren nachzukommen.

Also. Wenn Microsoft rechtsgültig (!) aufgefordert wird, Daten über seine Kunden preiszugeben, wird Microsoft das Gesetz nicht brechen, sondern das auch tun. Wie übrigens jeder andere Onlinedienst auch. Oder Internetanbieter. Oder Telefon/Handy-Anbieter.

Und am Ende steht:

Sie sollten keinen besonderen Datenschutz in Bezug auf Ihre Nutzung der Live-Kommunikationsfunktionen des Services erwarten (wie z. B. Sprach-Chat, Video und Kommunikationen in live-gehosteten Spielesitzungen). Diese Kommunikation kann überwacht werden. Wir können nicht den gesamten Service überwachen und unternehmen auch keinen diesbezüglichen Versuch. Sie nehmen zur Kenntnis, dass diese Kommunikation von anderen aufgezeichnet und verwendet werden kann und die Kommunikation in live-gehosteten Spielesitzungen an Dritte gesendet werden kann. Einige Spiele können Spiel-Manager und Hosts haben. Spiel-Manager und Hosts sind keine autorisierten Microsoft-Sprecher und ihre Ansichten spiegeln nicht notwendigerweise die von Microsoft wider.

Rechtsanwälte sind in der Notwendigkeit einer möglichst korrekten Darstellung oft nicht die übersichtlichsten Schreiber, aber der Absatz ist doch eigentlich ganz klar: Video und Sprachchat in Xbox Live sind nicht besonders geschützt. Sprich, alle normalen Schütze, auch der deutsche Datenschutz oder das Telekomunikationsgeheimnis, sind natürlich da und darüber hinaus gibt es keinen extra Schutz. Es ist möglich, den Service “abzuhören”.

Es steht sogar explizit drin, daß Microsoft den Service nicht selber “abhört”.

Wir … unternehmen … keinen diesbezüglichen Versuch.

Aber die Kommunikation kann “von anderen” aufgezeichnet werden. von anderen. Die nicht Microsoft heißen, aber beispielsweise ein Aufnahmegerät neben den Fernseher legen und ein Halo Multiplayer-Match mitschneiden. Oder WLAN Mitschnitte aus einem Heimnetzwerk entschlüsseln. Oder sonst irgendwie.

Microsoft kann nicht garantieren, daß Xbox Live eine “sichere” Kommunikation ist. Das steht auch in jedem Handy-Vertrag. Gespräche können abgehört werden. Das DARF man nicht, aber es KANN eben sein. Nicht durch den Handy-Anbieter, sondern durch irgendjemand anderen.

Das steht in den Terms of Use. Und nicht, daß Microsoft sich in die Wohnzimmer der Spieler einklinkt. Das darf Microsoft nicht. Dazu gibt es Gesetze. Und gegen diese Gesetze kann auch Microsoft nicht verstoßen.

(Warnhinweis – dreisechzig.net ist eine private Webseite und dies hier weder ein offizielles Statement von Microsoft (das WÄREN die Terms of Use die offen auf der Seite zu lesen sind) noch eine Rechtsberatung. Dies ist die private Meinung (inklusive aller Schimpfwörter) von Boris Schneider-Johne.)

Update: Offensichtlich hat sich Alex Kipman hochoffiziell und detailliert geäußert: http://kotaku.com/5681521/microsoft-says-kinect-wont-invade-your-privacy

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