Wenn nicht nur in den Kommentaren dieses Blogs, sondern auch auf vielen anderen TV-Seiten, die Serie “Dexter” gelobt wird, dann kann ich das nach Ansehen der ersten drei Folgen sehr gut verstehen. Handwerklich ist Dexter wirklich sehr schön. Toll, das dem typischen deutschen Tatort-Regisseur, der irgendwann mal gelesen hat, wenn alles Blau eingefärbt wird hätte das auch Atmosphäre, ein kunterbuntes Miami entgegengesetzt wird, bei der selbst in Nachteinstellungen alles leuchtet und satte Farben reizen. Kamera, Schnitt und einige der Schauspieler sind Weltklasse.
Der Plot allerdings ist zum davonlaufen, aus zweierlei Gründen. Fangen wir mit der eher noch verschmerzbaren Sache an, dem Setting und der inneren Logik. Da informiert man uns fröhlich, daß das Morddezernat nur 20% Aufklärungsquote hat. Das mag daran liegen, daß man sich zwar einen ständigen Blutspritz-Experten und auch sonst tolle Laborratten hält, es bei den ermittelnden Detektiven aber eher sparsam angeht. Die Polizisten sind klischeehafter als in anderen Serien, da hilft auch nix, zwischendurch mal Spanisch zu reden, um das Lokalkolorit durchscheinen zu lassen. Die Rollenverteilung Guter Chef/Böse Chefin/Durchgeknallter Kollege/Aufrichtiger Detektiv etc. kommt direkt aus dem Krimischablonenbuch. Das konnte N.Y.P.D. Blue ja schon besser. Dexters “coole Sprüche” waren schon in der dritten Folge abgenutzt, weil sie immer dem gleichen Muster folgen. Und die Tatsache, daß die Polizei ständig im Dunkeln tappt, während Dexter nachts jeden Fall nach 48 Stunden “löst” (oder seiner Schwester (ebenfalls Cop) die Tipps zusteckt, damit diese Karriere machen kann), läßt die Truppe dann erst recht als Volldeppen dastehen.
Und das führt gleich zu Punkt Zwei, der mir extradick im Magen liegt. In all der technischen Raffinesse und der klischeehaften Charakterzeichnung liegt eine nicht vertretbare moralische Botschaft: Todesstrafe, Lynchjustiz und Folter, alles kein Problem, wenn es nur einen richtig bösen Buben (oder Frau) trifft. Auch wenn der Form halber Dexter sich selber auch mal als Monster bezeichnet, geht es (zumindest in den ersten Folgen der Serie) ganz klar drum, daß nur dank Dexter der “Abschaum” aus dem Verkehr gezogen wird, weil Polizei und Gerichte das nicht können und uns nicht beschützen. Selbstzweifel? Keine Spur, insbesondere weil Dexter ja durch Pflegepapa Harry, selber ein Cop, auf diese Reise geschickt wird. Die in der dritten Folge gegebene vorläufige “Legitimation” für Dexters Verhalten ist durch und durch verkommen. Ein Cop schickt seinen Pflegesohn nicht etwa zum Psychologen, sondern zum Ausweiden der noch lebenden Jagdbeute und danach als Racheengel auf die Jagd nach “Bösen Menschen”. Mit irgendwelchen absurden Begründungen, warum das eigentlich eine gute Sache sei. Und nicht etwa nur hinterrücks mordend, sondern mit dem Instrumentarium eines Baumarkts die hilflos gefesselten “Täter” folternd.
Ich weiß nicht, ob es Absicht der Serienmacher und Regisseure ist, den Zuschauer durch all die Technik, Sprüche von Dexter und Sidestories so einzulullen, daß ihm gar nicht auffällt, wie hier ein selbsternannter Richter, Folterer und Henker in Personalunion als eigentlich netter Kerl dargestellt wird, ohne den die Welt noch schlechter wäre. Parallelen zur amerikanischen Politik schenke ich mir.
Der Plot als Computerspiel wäre übrigens automatisch indiziert und auch auf DVD dürfte Dexter eigentlich gar nicht in den freien Handel kommen: In die Liste jugendgefährdender Medien aufgenommen werden solche Medien, “in denen Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird“.
Mögliche Indizierung hin oder her: Ich für meinen Teil nehme Abschied vom bunt fotographierten Miami und der schmissigen Musik der Exil-Kubaner und lasse Dexter ab sofort links liegen, denn ich kann nichts positives daran finden, wie hier Gewalt verherrlicht wird. Mit dieser verkommenen Moralität kommt kaum ein Computerspiel mit.
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