Category: Aufreger

Hier irrt der Luibl

Von Boris, Mo, 23. Nov 2009 15:18

Nur mal vorweg: Hier schreibt die Privatperson Boris Schneider-Johne, nicht die Firma Microsoft. Ich habe auch in jungen Jahren Spieletests verfaßt und sogar das eine oder andere Embargo-Zettelchen unterschrieben.

Jörg Luibl hat auf 4players.de in einem Artikel recht heftig über die Praxis hergezogen, daß immer mehr Spielehersteller mit Embargos oder Einschränkungen der Berichterstattung über ihre Spiele den Webseiten das Leben schwer machen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema “Spiel” verhindern wollen.

Allerdings macht Jörg in seiner Kolumne einen kleinen Denkfehler. Er denkt, die Spieleindustrie sei verpflichtet, ganz ohne Gegenleistung jedermann an seine Produkte ranzulassen und diese schlimmstenfalls durch einen Verriß im wirtschaftlichen Erfolg zu gefährden. Das ist natürlich Quatsch.

Lieber Jörg, eine Spiele-Publikation kann es nur geben, wenn es Spiele gibt und Firmen, die ab und an mal eine Anzeige schalten. Um das in Zukunft zu gewährleisten müssen die Firmen jetzt, hier und heute Spiele verkaufen. Das Ganze ist eine Symbiose. Und in einer solchen Partnerschaft darf man sich gegenseitig auch mal daran erinnern, wie gemeinschaftliche Spielregeln auszusehen haben. Aber es sind gemeinschaftliche Regeln.

Wenn eine Spielefirma ein Produkt X an Zeitschrift Y oder Webseite Z herausgibt, ist das immer ein Risiko. Werden Y und Z das Produkt mögen und hoch bewerten? Sofern man glaubt, daß Wertungen die Verkaufszahlen beeinflussen (und davon soll hier nicht die Rede sein, dies wäre ein eigener Artikel), liefert man sein wirtschaftliches Wohl also jemandem aus, der, und jetzt wird es hart aber ehrlich, aus rein eigenem Interesse, ohne echte Ausbildung und mit einem individuellem Geschmack das Produkt “bewertet”. Sollte da ein Multi-Millionen-Euro-Umsatz betroffen sein, erlaube ich dem Hersteller durchaus zu sagen: “Du darfst den Test nur drucken, wenn das Produkt dir gefällt und eine entsprechend gute Wertung bekommt. Sonst warte bitte, bis das Produkt erschienen ist.”

Ja, der autodidaktische Spieleredakteur, geimpft durch Parolen aus den Zeitschriften der 90er und 2000er über “Unabhängigkeit” und “Unbestechlichkeit” wird sich jetzt in seinen Grundsätzen erschüttert fühlen und wüten über eine Industrie, die seine Meinung beeinflussen will. Dabei geht hier doch was ganz anderes ab.

In Deutschland kann, dank Pressefreiheit, jedermann über ein Produkt schreiben, was er will (ja, es gibt Grenzen, aber die überlasse ich den Anwälten). Sobald ein Produkt im Laden steht, ist es Freiwild für alle Journalisten, selbsternannten Tester, Blogger und Twitterer und nicht zuletzt diese doofe Metacritic-Ding. Das ist auch gut so, wird von mir gar nicht angezweifelt und ja auch selbst ausgenutzt (wenn ich hier das eine oder andere erhältliche Produkt kritisiere).

Nun wollen Hefte und Webseiten aber natürlich Leser an sich binden und das geht am besten, wenn man Sachen “vorher” hat. Damit ein Test in einer Zeitschrift erscheint, muß die Redaktion das Spiel etwa drei Wochen vor dem Kiosktermin in der Hand haben. Der Spielehersteller muß also dem Journalisten mindestens einen Monat früher als üblich Zugriff auf das Produkt gewähren.

Nur – dieses “muß” ist kein gottgegebenes Recht des Journalisten. Er hat keinen Anspruch darauf, seine Publikation mit Berichten über Dinge zu schmücken, an die normale Käufer gar nicht ran kämen. Der Spielehersteller hat in meinen Augen jedes Recht der Welt zu sagen: Ich geb dir mein Produkt früher, aber wenn der Test nicht gut ausfällt, dann halte ihn bis Datum X zurück.

Wenn sich jemand wie Jörg Luibl darüber mit starken Worten aufregt, kann ich nur erwidern: Wieso geht Ihr Schreiber davon aus, daß Ihr alle unfehlbare Ikonen der Spielewelt seit? Was gibt Euch eigentlich das Recht, unter ein Spiel eine Zahl von Eins bis Hundert zu setzen? Wieso seit Ihr schlau und die PR-Leute doof? Welche von diesen beiden Gruppen arbeitet professioneller und hat seinen Job wirklich in einer Ausbildung gelernt?

In den Zeiten der Zeitschriften war das alles etwas einfacher. Da gab es eine Handvoll Redakteure, da wurde nicht jeder an einen Test rangelassen, da guckten mehrere Leute über den Beitrag drüber oder wurden Wertungen einmal im Monat im Team besprochen. Damit will ich jetzt nicht im speziellen die Arbeit von 4players kritisieren (Jörgs Tirade – und nicht die Tests auf der Seite – sind der Anlass für diesen Beitrag), aber Fakt ist, daß auf vielen Webseiten weitaus sorgloser, unausgebildeter und meistens im Solo gearbeitet wird, als das zu meinen Tester-Zeiten der Fall war.

Wäre ich PR-Manager einer Spielefirma (zum Glück bin ich das nicht mehr, auch wenn das im Internet immer noch manchmal zu lesen ist) würde ich eine Reihe von den Dingen machen müssen, die Jörg kritisiert: Auswählen, wer meinem Produkt gut gewogen ist oder eine größere Wirkung hat. Absichern, daß derjenige sich darauf einläßt, seine Berichterstattung nur dann vor allen anderen zu haben, wenn sie auch wirklich gut ist. Das Produkt nicht unvorbereitet einer hungrigen Meute zum Fraß vorwerfen, sondern immer genau abwägen, was für das Produkt gut ist und was schlicht und einfach töricht ist. Berichterstattung vor einem bestimmten Datum zu untersagen und das auch schriftlich mit Vertragsstrafen einfordern – denn sonst hält sich keiner dran. “Schlechte” Testberichte kriegt man früher oder später, aber warum zur Hölle soll es unbedingt früher sein?

Genauso geht es mir auch mit dem Thema “Plot verraten” – Redaktionen anzuweisen, über bestimmte Teile des Produkts den Mund zu halten, zumindest vor Datum X. Das ist legitim, liebe Journalisten, denn ihr habt das Produkt ja nicht gemacht! Und wenn der Hersteller meint, das die potentiellen Käufer und Spieler nicht “gespoilert” werden sollen, dann ist das seine Entscheidung.

Bleibt noch das Argument des “Ich hab einen Nachteil, wenn andere das Material vor mir haben, nur weil ich nix unterschreibe” – die eigentliche “Kränkung”, auf die es den Meckerern ankommt. Darauf gibt es nur zwei Antworten: Entweder man hat Leser, die das schätzen, die verstehen, warum in meiner Publikation eben noch kein Test ist und sich daraus etwas ableiten können. Leser, die wirklich tiefe Informationen über die Spiele wollen und gerne auch mal zwei Wochen länger warten. Dann muß man sich nicht beschweren, sondern kann einfach lächelnd warten, bis das fertige Produkt kommt, und dann unbeschwert mit spitzer Zunge darüber herziehen. Es wird der Publikation gar nicht weh tun.

Oder aber man hat Leser, die das einen Scheiß interessiert. Die wollen alles über das Spiel jetzt, hier und heute lesen, wechseln dann halt zu einer anderen Zeitschrift/Webseite, die das schon hat. Nur – das sind dann doch gar nicht “deine” Leser? Wenn ich immer der Erste sein will, dann lasse ich mich auch auf den Pakt mit den Spielerherstellern ein. Diese Leser freuen sich über die 98% und die 11/10 und erwarten gar nicht die kritische Zerlegung von Spielmechanik und Plotdetails.

“Kleingeistig” sind hier nicht die Big Player der Spieleindustrie, die mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln eine schlechte, frühe Berichterstattung verhindern wollen. Kleingeistig ist der meckernde Journalist, der sich nach außen unabhängig geben will, nach innen von der Spieleindustrie aber naives Vertrauen und wahlfreien Zugriff auf Produkte erwartet. So funktioniert keine Symbiose.

Pressefreiheit – in jedem Fall. Jeder soll ein Produkt, das im Laden steht, besprechen können wie er mag, ohne Einschränkungen. Wer aber vorher schon dran will, muß sich Einschränkungen gefallen lassen.

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