Category: Bücher

Das Rennen um den Chip

Von Boris, Mi, 21. Jan 2009 10:53

In den letzten Tage hat auf einigen Videospiel-Seiten ein frisch in den USA erschienenes Buch für ein paar News gesorgt: In “The Race for a new Game Machine“ erzählt David Shippy, wie er als IBM-Angestellter am Cell-Prozessor mitarbeitete und mitten im Projekt parallel dazu Teile des Xbox-360-Prozessors entwickeln mußte.

Amazon hat flott geliefert und ich noch schneller gelesen, und begeistert bin ich nicht. Der Schreibstil ist eher lausig, ewig oft Wiederholungen, wenige Details und eigentlich alle drei Seiten nur die Aussage, daß das Team unter großem, großen Druck stand und in kürzester Zeit den schnellsten Prozessor-Kern der Welt entwickeln mußte (und hat). Damit der Titel in den USA auch im lukrativen Bereich der Business-Bücher stehen kann, wird sogar noch versucht, Ableitungen für Manager zu bilden, die in so grandiosen Tips wie “Work hard, play hard” oder “Inspire Innovation” enden, Allgemeinplätzen, die einen halbwegs vernünftig denkenden Menschen nicht sehr beeindrucken werden.

An einigen wenigen Stellen (kann man auf fünf Seiten eindampfen) sind Situationen beschrieben, in denen der Konflikt, gleichzeitig am PS3 und am Xbox 360 Prozessor zu arbeiten, aufblitzt. Aber auch hier bleibt das Buch an der Oberfläche. Und für ein Buch in der Ich-Perspektive fehlt die menschliche Seite völlig. Über das Privatleben der beschriebenen Personen erfährt man gar nix, außer in Nebensätzen wie “…da wir beide Kinder hatten, konnten wir eine halbe Stunde mit Smalltalk über Schule und Zahnarztrechnungen füllen”.

Zwischen den Zeilen spannend ist die Beschreibung der unterschiedlichen Einstellung der Auftraggeber von Microsoft und der Sony-Partner, insbesondere Ken Kutaragi. So war das Design für den Cell schon weit fortgeschritten, als Kutaragi acht statt sechs SPUs (Coprozessoren) verlangte. Die einzige Begründung, warum es zwei mehr werden mußten: “Eight is Beautiful”. Weitere Diskussionen waren nicht gewünscht, das Team mußte halt einen Weg finden, die “Schönheit” zu realisieren. Umgekehrt die Jeans-tragenden Microsoft-Chefs, die mit der Einstellung “Wenn ihr das im Chip nicht hinkriegt, finden wir schon eine Software-Lösung, haltet nur den Termin ein” in die Schlußphase hineingingen.

Ein paar ärgerliche Details: Auf Seite 52 gibt Shippy vor, sich beim Start des Projekt intensiv in den Videospielemarkt eingearbeitet zu haben, und in seiner Weltsicht gab es zwischen dem Atari-Crash von 1984 und der Playstation 1994 praktisch keinen Markt für Konsolen. Oder die Passage auf Seite 90/91, wo er einem Ingenieur erzählt, wie toll es doch ist, ein Patent anzumelden. Der Schreibstil klingt dabei eher ein ein Schulbuch für Kleinkinder.

The junior engineers face lit up with enthusiasm. “How did you know what to do next to get your idea patented?” he asked.

“I had help, and you will too. The whole process was exciting. We met with a patent attorney and described the idea. [...] The patent attorney then translated it into legal jargon. When it finally got filed with the U.S. Patent officee, I got a plaque from IBM indicating the name of the patent. You will get one, too, for your first filing.” [...]

Man kann dem Buch allerdings eine gute Beschreibung amerikanischer High-Tech-Meeting-Kultur (Laptop auf, nebenbei Mail machen, schrecklich) entnehmen sowie der typisch amerikanischen Mentalität, Probleme durch Einfügen weiterer Management-Schichten und Kontroll-Instanzen lösen zu wollen, dabei aber Arbeitszeit zu vernichten, statt produktiv zu arbeiten. Hab ich auch schon mal erlebt…

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