Category: Gadgets

The Meaning of Hack

Von Boris, Mi, 24. Nov 2010 10:05

Kinect gehackt! Microsoft in Panik! Microsoft doch OK! Alles viel besser als auf Xbox!

Naja, da muß ich doch auch mal meine fünf Cent dazu geben. Wenn man seinen Kinect Sensor an einen PC anschließt, passiert nicht allzu viel. Es wird ein USB Hub gefunden und dann ein “Xbox NUI Motor”. NUI steht für “Natural User Interface” und ist die Abkürzung die intern für die Software verwendet wird, die hinter Kinect steht. Für diesen Motor gibt es keinen Treiber, das vermeldet Windows, und damit ist erstmal Schluß.

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Dann hat jemand einen Preis von $10.000 ausgelobt für den Ersten, der einen Treiber schreibt, und dann gab es in kurzer Zeit Treiber für Linux und Windows. Diese Treiber können den Motor bewegen und den beiden Kameras (Farbkamera und Tiefenkamera) Bilder entlocken. Die Audio-Hardware mit den 4 Richtmikrofonen kann zur Zeit noch nicht ausgelesen werden.

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Basierend darauf gibt es mehrere Demos im Internet, mit denen virtuelle Handpuppen gesteuert werden, ein 3D-Video aufgenommen wird oder diverse Plüschtiere voneinander unterschieden werden.

Das alles sind “Hacks” im eigentlichen Sinne. Ein Hack (“Häck” ausgesprochen) ist eine Zweckentfremdung, ein Umbau, eine Bastelei, die nicht im ursprünglichen Sinne des Erfinders / Erbauers war. Bestes Beispiel ist die Webseite lifehacker.com, die Tips und Tricks nicht nur für die übliche Technik, sondern auch für das tägliche Leben bietet, zum Beispiel für die Zweckentfremdung von IKEA-Möbeln und Dekoteilen.

Nun gibt es aber einen feinen Unterschied von Hackern, die basteln, und “Hackern”, die Kopierschutzmechanismen aushebeln, um sich umsonst und rechtswidrig Software zu beschaffen. Das sind im feinen Sinne des Wortes eher Cracker, aber in der “Szene” zu Xbox 360 nennen die sich eben auch Hacker.

Und deswegen reagiert eine Rechtsabteilung wie die von Microsoft erstmal reflexartig, wenn eine Internetseite meldet “Kinect gehackt!” und denkt, jemand hat hier ein System von Microsoft geknackt und verletzt Urheberrechte. Ist aber bei den Kinect-Hacks nicht so.

Wie Alex Kipman aus dem Kinect-Team inzwischen auch mitgeteilt hat, ist die reine Hardware von Kinect auch durchaus absichtlich nicht zugriffsgeschützt. Deswegen waren auch innerhalb von Tagen schon Treiber aus der Hacker-Community verfügbar; da sich die Kinect Hardware weitestgehend wie ein stinknormales USB-Gerät verhält und die Videodaten wie eine übliche Webcam abliefern kann. Auch die 3D-Kamera kann so ausgelesen werden – statt Helligkeit liefert sie für jeden Pixel einen Tiefenwert, das sieht komisch aus, kann aber von Software sofort ausgewertet werden.

Deswegen sind von pfiffigen Programmierern zwei Arten von Software schnell geschrieben: 3D-Erfassung von Szenen (schließlich liefert die 3D-Kamera die Daten schlüsselfertig an) und das Erkennen von einfachen Gegenständen oder Körperteilen – denn hier nutzt man die 3D-Kamera, um das farbige Bild eines Gegenstandes aus dem Hintergrund “auszustanzen” was Standard-Algorithmen der Bilderkennung um ein vielfaches vereinfacht und beschleunigt. Das sind alles Dinge, die für gute Programmierer quasi auf der Straße liegen, sofern man eine preiswerte Farb/Tiefenkamera hat, und die kriegt man jetzt für 150 Euro im Elektrohandel unter dem Namen “Kinect”.

Die Audiohardware kann noch nicht genutzt werden, und das liegt im wesentlichen daran, daß diese in Kinect eben keine Standard-Streams der vier Mikrofone liefert, sondern schon eine Menge Pre-Processing im Kinect-Sensor stattfindet.

Also – alles gehackt? Microsoft blamiert? Das ganze Gerede von Weltneuheit durch Studenten in wenigen Tagen wiederlegt?

Natürlich nicht. Die Magie von Kinect ist ja nicht die 3D-Kamera an sich, sondern die dahinterliegende Software, die, ohne großartige Kalibrierung, in Sekundenbruchteilen mehrere Menschen erkennt, unterscheidet, dreidimensional trackt und insbesondere ihre Bewegungen in Spielszenen umsetzt. Oder aber aus der Position eines auf den Fernseher deutenden, ausgestreckten Arms einen Cursor auf dem Bildschirm bewegt. Das sind tatsächlich nicht-triviale Programmierarbeiten, von denen die “Hacker” ziemlich weit weg sind. Damit will ich niemand, der eine coole Kinect-Demo geschrieben hat, beleidigen. Aber es ist ein weiter Unterschied zwischen dem zweidimensionalen Bewegen einer Handpuppe und dem dreidimensionalen Einbau zweier beliebiger Spieler, die sich mit dem ganzen Körper bewegen, in eine fließende Spielszene.

Ja, das ist cool, aber meilenweit von Kinect Adventures entfernt.

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