Ist es News oder ist es Selbstbefriedigung?
Ich brauche hier nicht auf die diversen Webseiten zu verlinken, die Story über Story vom verlorenen Iphone V4 bringen. Mich interessiert eher die Frage: Was würde ich tun, wenn ich dieses Objekt gefunden hätte?
Klar, die Verlockung ist groß, daraus eine große Nummer zu machen. Zum einen kassiert man bei vielen Lesern Ruhm und Ehre, zum anderen treibt es die Seitenabrufe nach oben und das bedeutet nun mal: Mehr Geld dank mehr Anzeigen.
Moralisch ist es aber falsch und, auf lange Sicht, auch kontraproduktiv. Ein wirklich armes Schwein (der Apple-Mitarbeiter, der das Telefon verloren hat) hat einen Fehler gemacht. Ginge es hier um Dokumente, die zum Beispiel beweisen, daß eine Firma jemanden bestochen hat, oder um Umweltsünden, um ein Verbrechen gar, dann gäbe es keine Frage – das ist etwas von öffentlichem Interesse im Sinne als es zum Beispiel den Steuerzahler betrifft. Aber hier geht es um eine Information, die die Welt nicht verbessert oder aufklärt. News über ein neues Iphone sind nicht wirklich “wichtig”. Es gibt hier kein “Die Öffentlichkeit muß unbedingt informiert werden!”, hinter dem sich ein Journalist verstecken könnte.
Würde ich das Iphone finden, würde ich natürlich einen persönlichen Vorteil rausschlagen. Finderlohn muß sein, aber den kann man auch kassieren, indem beide Seiten das Gesicht wahren. Steve Jobs Email-Adresse ist bekannt. Dem kann man “Ich hab Euren Prototypen gefunden, was krieg ich dafür?” schicken.
Wäre ich Chefredakteur einer Zeitschrift oder Webseite, und jemand böte mir das “gefundene” Telefon für Geld an, ich würde es natürlich kaufen. Aber nicht, um daraus eine Story zu machen, sondern um mir das Geld von Apple wieder zu holen und bei deren PR-Abteilung für die Zukunft als zuverlässiger Partner, der den Mund halten kann, vielleicht früheren Einblick in Produkte zu bekommen. Oder mal ein Interview mit Steve Jobs. Oder zumindest eine Kiste Macbooks als Finderlohn für die Redaktion. Erfolgreich ist man auf lange Sicht nur, wenn man vertrauenswürdig ist.
Mit der Story sind, bis auf uns neugierige Leser, alle Beteiligten auf lange Sicht unglücklich. Der Mann, der des Telefon verloren hat, sowieso. Alle, die die Story geschrieben haben, gelten jetzt in der Industrie als “verbrannt” – denen kann man nicht vertrauen, die werden so schnell nicht mehr vorab über neue Produkte informiert oder zu Pressegesprächen eingeladen. Den Apple-Fanboys wurde eine grandiose “Steve-Show” versaut, denn das nächste PR-Event ist jetzt keine Überraschung mehr. Und Apple muß neu planen, wie man denn das Produkt nun vorstellt.
Aber für eine solche Überlegung braucht man Lebenserfahrung, langfristiges strategisches Denken und ein bißchen Moral. Vor zwanzig Jahren hätte ich vielleicht auch anders reagiert. Und wäre heute vielleicht ein verbitterter kleiner Autor, dem der angeblich große Scoop in Wirklichkeit ein Klotz am Bein wurde. Denn ein Iphone ist kein Watergate.
